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Der Kinofilm „Atlas“ : Möbel kann man packen, das Leben nicht

  • -Aktualisiert am

Ein Charakterdarsteller, der selten ganz nach vorn tritt: Rainer Bock als Walter in David Nawraths Film „Atlas“ Bild: dpa

Das Gesicht kennt man, die Schauspielkunst dazu trägt jetzt einen ganzen Spielfilm: „Atlas“ mit Rainer Bock zeigt, dass Haltung aus dem Rückgrat kommt.

          3 Min.

          Der Möbelpacker Walter Scholl ist in seiner Truppe der älteste. Wenn die Männer morgens vor einer Wohnungstür aufgereiht stehen, ist vorne immer der Gerichtsvollzieher. Walter wartet meistens ganz hinten, er nimmt dann aber die schwersten Kästen. Abends sieht man ihn, wie er sich im Bad ein Stützkorsett vom Leib nimmt, und dann legt er sich erst einmal für eine Weile flach auf die Fliesen. Ist er erschöpft? Vielleicht gar nicht so sehr von der harten Arbeit, sondern in einem allgemeineren Sinn. Das Leben hat aus Walter Scholl einen schweigsamen Mann gemacht. Er sieht nicht so aus, als hätte er noch Erwartungen.

          Damit ist er natürlich reif für das Unerwartete. Eines Morgens steht Walter vor einer Wohnungstür, hinter der eine Familie lebt, mit der er etwas zu tun hat. Er ist der Einzige, der davon weiß. Er behält das erst einmal für sich. Wie es sich trifft, stößt an diesem Tag auch ein neuer Mann zu der Truppe. Er heißt Moussa, stammt aus einer arabischen Familie in Frankfurt, und er ist ein Schläger. Als Jan Haller, der Mieter, der mit seiner Frau und seinem Sohn die Wohnung räumen soll, das Telefon zückt und die vorgebliche Amtshandlung filmt, schlägt Moussa einfach zu. Vorgeblich ist die Amtshandlung, weil es einen Gerichtsbeschluss gibt, der den Hallers recht gibt. Der wurde aber erst einmal ignoriert. So ist das eben manchmal in der Immobilienbranche, wenn in einem Haus nur noch eine Partei wohnt.

          Was soll es von einem alleinstehenden Mann zu erzählen geben?

          Es braucht nicht mehr als zwei, drei, vier Szenen, um in David Nawraths „Atlas“ eine im Grunde einfache Situation so komplex werden zu lassen, dass damit die Grundlagen für einen spannenden Film gegeben sind. Üblicherweise würde man bei so einer Inhaltsangabe wohl erst einmal reserviert reagieren: Was soll es von einem alleinstehenden Mann, der Wohnungen räumt, schon groß zu erzählen geben? In „Atlas“ ist es genau so viel, dass der hoch zielende Titel nicht vermessen wirkt. Es bedarf im Grunde nur der Verknüpfung zweier Ideen, um Walter tatsächlich das Gewicht der Welt aufzuladen. Diese beiden Ideen haben mit den grundlegenden Bezügen von Menschen zu tun: Familie und Gesellschaft.

          Bei dem Einzelgänger Walter Scholl waren die Erinnerungen an die Familie verschüttet. Nun tauchen sie wieder auf, ein Brief und ein Foto aus einer anderen Zeit. Die Hallers finden in Walter einen unvermuteten Beschützer, sie ahnen nichts von seinen Motiven, dabei könnten sie durchaus argwöhnisch werden, als er bei einem Besuch ein übertrieben großes Spielzeug für den kleinen Karl mitbringt. Walter will hinter dem Rücken seiner Kollegen die Folgen seiner dubiosen Arbeit korrigieren, aber damit lädt er sich erst richtige Probleme auf.

          Als hätte er in einer im Wortsinn tragenden Rolle nichts zu suchen

          Der Schauspieler, der in „Atlas“ Walter ist, heißt Rainer Bock. Er zählt seit vielen Jahren zu den vertrauten Gesichtern im deutschen Kino und damit auch im Fernsehen. In Michael Hanekes „Das weiße Band“ (den man auch als eine Sammlung deutscher Physiognomien sehen kann) war er der Arzt. Zuletzt sah man ihn sogar zweimal in bedeutenden amerikanischen Produktionen, in dem Blockbuster „Wonder Woman“ und in der Serie „Better Call Saul“. Rainer Bock ist ein Charakterdarsteller, der selten einmal ganz nach vorn tritt, und wenn er es denn einmal tut wie nun in „Atlas“, dann tut er es so, als hätte er da vorn, in einer im Wortsinn tragenden Rolle, nichts zu suchen. Das Kino liebt solche Figuren, aber es ist ein schmaler Grat zwischen der Anmutung, einen unscheinbaren Menschen zu einem (Anti-)Helden zu machen, und der Zumutung, eine Figur fast ausschließlich aus passiven Eigenschaften zu gestalten.

          Rainer Bock schafft das in „Atlas“ auch deswegen so gut, weil er in ein starkes Ensemble eingebunden ist und weil das Drehbuch die Lasten auf Walter so geschickt verteilt. Auch wenn der Film zu Recht sehr stark (auch in der Vermarktung) auf seinen Hauptdarsteller setzt, verdienen die anderen Rollen durchaus Aufmerksamkeit: Thorsten Merten spielt den Gerichtsvollzieher Alfred als eine verhalten tragische Figur, einen Mann des Rechts, der sich einem schäbigen Gewerbe angedient hat und längst keine Alternativen mehr dazu hat. Roman Kanonik überzeugt als Moussa in einer heiklen Rolle, denn David Nawrath und sein Drehbuchpartner Paul Salisbury wagen sich da mitten hinein in das verminte Gelände des Großthemas Clankriminalität und verbinden es geschickt mit dem noch größeren Thema der Häuserspekulation. Nichts davon wirkt opportunistisch, alles wird durch die Truppe überzeugend zusammengehalten, in der Walter der letzte und lange Zeit auch der stärkste Mann ist.

          Im Grunde handelt es sich bei „Atlas“ um einen „Tatort“ ohne Kommissare. Damit soll das Kinopotential nicht geschmälert werden; im Gegenteil könnte man an diesem bestens justierten Autorenfilm sehen, wie filmisches Erzählen in Deutschland funktionieren könnte: „Atlas“ wirkt fast modellhaft in der Weise, in der Genre auf Alltagsdrama trifft. Walter Scholl trägt auch die eine oder andere Unwucht, die es im deutschen Kinoserienfernsehen zwischen aufschneiderischem Formelwissen und öder Zielgruppenbeflissenheit gibt, und er trägt sie mit einer Haltung, die Stärke nicht vorschützen muss. Denn sie kommt aus dem Rückgrat.

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