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„Der Hauptmann“ im Kino : Jeder darf schießen, auch die Dame im Abendkleid

SA-Führer Schütte (Bernd Hölscher) hat seine eigene Vorstellung von Ordnung im Emslandlager II für Strafgefangene. Bild: dpa

Der Henker vom Emsland nimmt Haltung an: Robert Schwentkes Film „Der Hauptmann“ erzählt einen schwarzen Moment der deutschen Geschichte so explizit brutal, dass seine Botschaft es schwer hat, anzukommen.

          Es sind die letzten Wochen des Krieges, die Zeit der „Endphaseverbrechen“. Der Gefreite Willi Herold wird von einem Tross mordlustiger Wehrmachtssoldaten gejagt und entkommt wie durch ein Wunder. In der Weltuntergangsstimmung der wüsten, mit Schnee bedeckten Landschaft des Emslandes, die er, in eine Decke gewickelt, durchwandert, wartet auf Fahnenflüchtige nur der Tod, ob durch die Mistgabeln der Bauern oder die Vollstreckungskommandos der Nationalsozialisten. Die Offiziersuniform, die der junge Soldat in einem stecken gebliebenen Wagen findet, ist deshalb das zweite Wunder. Er probiert sie, nimmt Haltung an, probt den bohrenden Blick und den Befehlston. Die Rolle sitzt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wäre da nicht die Brutalität des sparsam eingesetzten, aber bedrohlich anschwellenden Soundtracks von Martin Todsharow, man könnte Robert Schwentkes Schwarzweißfilm an dieser Stelle noch für eine schwarze Komödie halten. „Dann hol ich Herrn Hauptmann wohl mal das Auto aus dem Dreck“, sagt der von Milan Peschel glaubwürdig gespielte Gefreite Freytag, der Herold in die Arme läuft, und das Spiel beginnt. Immer mehr versprengte Soldaten nimmt der selbsternannte Hauptmann in seine Truppe auf. Ihr „Auftrag von ganz oben: Klarheit verschaffen von der Lage hinter der Front“, Marschrichtung: geradeaus.

          Das „Schnellgericht Herold“ sucht neue Opfer: Max Hubacher als Hauptmann, Frederick Lau (links) und Milan Peschel (rechts).

          Man möchte ihn verstehen, diesen raffinierten Blender, der aus Angst, enttarnt zu werden, nach erstem Zögern auch tötet. Also lässt man sich mit vorsichtiger Zurückhaltung auf das Spiel aus Grauen, Groteske und Komik ein. Später wird es schwerfallen, zu rekonstruieren, wo die Entmenschlichung begann. Beim ersten Mord? Als Herold seinem ehemaligen Offizier wiederbegegnet, der ihn in der Uniform nicht wiedererkennt und von seinen Kriegserlebnissen mit den Worten berichtet: „Ich hab’s geliebt“? Spätestens aber, als Herold mit seiner Truppe ein Strafgefangenenlager übernimmt und es mit der Suche nach seinen Motiven endgültig vorbei ist, wird „Der Hauptmann“ zu einem sprichwörtlich unerträglichen Film. Vieles an der Geschichte ist wahr. Der Neunzehnjährige Gefreite Willi Herold wurde im April 1945 zum „Henker vom Emsland“, als er Wehrmacht und Bürger mit einer gefundenen Offiziersuniform täuschte und in einem Gefangenenlager an der holländischen Grenze innerhalb von Tagen mehr als hundert Häftlinge erschießen ließ. Als sein Betrug aufflog, wurde Herold von einem deutschen Militärgericht sogar noch freigesprochen und erst nach Kriegsende zum Tod verurteilt.

          Der in Hollywood ausgebildete Regisseur Schwentke wollte einen Film aus der Perspektive dieses durch Zufall zum Täter gewordenen Soldaten machen. Es ging ihm, wie er selbst erklärte, nicht um Einfühlung, sondern um die Machtstrukturen, die Herolds Taten ermöglichten, und darum, Fragen nach den Grenzen von Moral und Standhaftigkeit aufzuwerfen. Das ist anderen auf weniger verstörende Art gelungen. „Der Hauptmann“ jedoch will nicht subtil sein. Er traktiert einen physisch wie ein Horrorfilm; nur dass es ein solcher gewöhnlich erlaubt, schnell wieder vergessen zu werden.

          Bei aller Sinnlosigkeit und Perversion des „Standgerichts Herold“ bleibt, und das gehört zu den besonders perfiden Elementen des Films, eine Komik erhalten: Das wichtigste Anliegen des überforderten SA-Führers Schütte, der Herold empfängt, ist die Ordnung im Lager. Bevor die Gefangenen hingerichtet werden können, muss also zunächst geklärt werden, ob alles den Vorschriften entspricht, und da hat die Justizbehörde ein Wort mitzureden. Durch das Fenster seines Büros wirft der Lagerleiter, für den das Leben der Gefangenen kein Argument ist, wohl aber die Sorge vor einer „Sauerei“, Herold säuerliche Blicke zu.

          Vom Gesang der Gefangenen auf dem Weg zu der von ihnen eigenhändig ausgehobenen Grube, an der sie die Erschießung erwartet, bis zum „bunten Abend“ nach getaner Arbeit, an dem zwei Inhaftierte um ihr Leben Witze reißen, ist immer wieder neues Grauen geboten. Am Ende der Nacht reicht Herold seine Waffe weiter, jeder darf einmal schießen, auch die Dame im Abendkleid.

          Der Schweizer Max Hubacher stellt Herolds Weg in den mörderischen Wahn passend zum Film wenig subtil, aber überzeugend dar; auch Frederick Lau füllt seine Rolle des außer Kontrolle geratenen Soldaten Kipinski tadellos aus. Das Lagerpersonal hingegen wirkt hölzern. Als schon alles vorbei und der Krieg verloren ist, fällt Herolds Truppe im Abspann noch im Görlitz der Gegenwart ein. Dieser letzte Fingerzeig kommt spät. Wer bis dahin durchgehalten hat, versucht es schon mit dem Vergessen.

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