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„Sonic the Hedgehog“ im Kino : Der Gesellschaft den Igel vorhalten

Suchbild mit Igel: „Sonic“ im Kampf gegen die Drohnen von Dr. Robotnik. Bild: dpa

Triumph der Geschwindigkeit und Witz, irgendwo zwischen Schleichwerbung, Flatulenzen und Popkulturreferenzkonfetti: Das Videospiel „Sonic the Hedgehog“ gibt’s jetzt auch als Film.

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          Ein blauhaariger Überschall-Igel in abgewetzten Turnschuhen kommt, nachdem er vor 29 Jahren zum ersten Mal über Fernsehbildschirme flitzte, ins Kino. Dass er auch Ihnen über den Weg läuft, ist nicht unwahrscheinlich, wenn Sie A: kleine Kinder haben oder B: einen Lebenspartner, der im Jahr 1991 zwischen acht und zwanzig Jahre alt war und eine Spielekonsole namens Sega Mega Drive (Sega Genesis) besaß – oder diese Art speziellen Freund, der die Sega-Videospielkonsole als frühen Akt des Widerstandes gegen die flächendeckende Nintendoisierung der Jugend anschaffen ließ und seinen Eltern lange Referate über die werkgetreue Umwandlung von Arcade-Titeln in Konsolenspiele hielt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Besagter Igel, er heißt wie der Film „Sonic the Hedgehog“, ist in erster Linie ein Maskottchen. Er wurde von der einstigen Münzspielautomaten- und späteren Videospiel-Schmiede „Sega“ erschaffen, um dem Pilze konsumierenden, Echsen reitenden Italo-Klempner und Schrecken aller Landschildkröten, Super-Mario vom Konkurrenten Nintendo, etwas entgegenzusetzen. Ein Zugpferd, respektive -igel mit reichlich Pferdestärken, der durch Loopings sprinten und Robo-Schergen pulverisieren konnte. Die Filmversion dieses Wesens wirkt heute fast altbacken. Nintendo erlegte seinem Maskottchen bereits 1993 einen einigermaßen schrägen Film samt Roxette-Soundtrack („Almost Unreal“) auf, der brutal floppte.

          Spott über die Zähne des animierten Rennigels

          Der computergenerierte Film-„Sonic“ hatte indes ein massives Zahnproblem: Nachdem Paramount einen Trailer veröffentlicht hatte, wurde in sozialen Medien mit viel Furor über die „entsetzlichen, menschlichen Zähne“ des animierten Hybriden gespottet. Mit Erfolg: Das Studio verlegte den Starttermin, um seinem Helden eine kostspielige Zahnbehandlung zu verpassen.

          Warum soll man in den neuen Film gehen? Der eingangs erwähnte, spezielle Freund würde vielleicht mit einem Namen argumentieren: Jim Carrey. Dem müsste man entgegnen: Carrey ist vielleicht wirklich das Stärkste an diesem ansonsten eigentümlich zusammengestückelten Film, dessen Thema lose an ALF oder „Alien“ erinnert (Wie integriert man Fremde mit merkwürdigen Hobbys und Geschmäckern in die westlich degenerierte Zivilisation), aber ohne beißenden Humor oder sonstige Säure auskommen muss.

          Jim Carrey gibt wie nun wieder den Jim Carrey und darf mit viel Gesichtsdisco und entzückenden Tanzeinlagen Sonics Widersacher Dr. Ivo Robotnik geben, der die Welt sauber frisiert und in alter Silicon-Valley-Manier mit Hilfe von Maschinen und Technik verbessern möchte, bis kein fehlerhaftes Wesen mehr übrig ist – am wenigsten grundlos rebellische Igel, die mit Hilfe goldener Ringe durch Dimensionen und Welten reisen und deren Verlust (sie liegen auf einem Hochhausdach in San Francisco) die Handlung des Filmes antreibt. Bleibt zu hoffen, dass niemand die bodenlose Traurigkeit sieht, die sich in Carreys Augen eingenistet zu haben scheint, während um sie herum routiniert ein mimisches Feuerwerk abgefackelt wird, das der CGI-Effekthascherei des Filmes in nichts nachsteht.

          Abseits von Jim Carrey findet Witz hier irgendwo zwischen Schleichwerbung, Explosionen, Flatulenzen, Schlägereien und (überraschend präzise auf die Early-Adopter-Zielgruppe abgestimmtem) Popkulturreferenzkonfetti statt. Auch mehr zu Dekozwecken: James Marsden als guter Bulle und Igelretter Tom Wachowski sowie Tika Sumpter als seine Frau Maddie und charmante Sonic-Ersatzmutter.

          Was lernen ihre Kinder (oder Partner)? Stärke triumphiert! Oder Schnelligkeit! Und Kanonen! Oder gewaltige elektrische Entladungen! Mit gutem Willen vielleicht: Wer stark oder sehr schnell ist, soll vor allem seine Freunde beschützen. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder oder Partner danach werden wollen wie Dr. Ivo Robotnik, liegt höher – und der hat keine Freunde. Nehmen Sie Ihren Lieben vorsorglich das Smartphone weg.

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