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Zum Tod von Alain Resnais : Artist der strengen Form

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Der große Formalist der Nouvelle Vague: Alain Resnais Bild: AFP

Alain Resnais war der intellektuellste und experimentellste unter den großen französischen Regisseuren im Umfeld der „Nouvelle Vague“. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

          Beim Filmfestival von Cannes gab es im Jahr 1959 zwei bedeutende Premieren: „Les 400 coups“ von Francous Truffaut lief im Wettbewerb, während „Hiroshima mon amour“ von Alain Resnais nicht zur offiziellen Konkurrenz zählte. Das hatte mit dem auch politisch heiklen Thema zu tun. In dem Drehbuch von Marguerite Duras wurde die schwierige französische Bewältigung der Jahre unter nationalsozialsozialistischer Besatzung mit der atomaren Bedrohung der Nachkriegsepoche verbunden.

          Es war ein in vielerlei Hinsicht anstößiger Film, der auch sofort als Klassiker begriffen wurde. Zugleich öffnete sich schon an diesem bedeutsamen Datum ein Schisma im französischen Kino. Denn Truffauts Debüt gilt auch als Auftakt der „Nouvelle Vague“, die danach mit Filmen von Chabrol, Godard, Rivette und Rohmer für Furore sorgte. Alain Resnais hingegen wurde zu einem der wichtigsten Protagonisten der anderen Schule, des sogenannten „linken Ufers“, einer losen Gruppe von Filmemachern, die ästhetisch oder auch politisch gar nicht so leicht von den Rivalen vom rechten Ufer der Seine zu unterscheiden waren.

          Der 1922 geborene Resnais, der mit Industriefilmen etwa über Plastik und Bildungsfilmen über Künstler wie Van Gogh begonnen hatte, kam von der Bildenden Kunst und zeigte sich schon früh für unterschiedlichste Strategien offen. Noch vor „Hiroshima mon amour“ hatte er mit dem halbstündigen „Nuit et brouillard“ („Nacht und Nebel“, 1955) einen bahnbrechenden Dokumentarfilm über die NS-Vernichtungslager gemacht, der bis heute in Schulen gezeigt wird.

          Formstrenges Mysterienspiel auf verschiedenen Realitätsebenen: „Letztes Jahr in Marienbad“ vom 1961 Bilderstrecke

          Doch das Interesse für Politik und Geschichte stand bei Resnais immer im entgegengesetzten Zeichen eines ausgeprägten Sinns für Form und Spiel. Viele seiner bedeutendsten Arbeiten beruhen auf literarischen oder Theatertexten und sind in erster Linie Übungen in Adaption zwischen den Medien. So hatte erst kürzlich auf der Berlinale sein letzter Film „Aimer, boire et chanter“ Premiere, der auf einem Boulevard-Theaterstück von Alain Ayckbourn beruht und der nicht anders verstanden werden kann als eine hochironische Zerlegungsarbeit an den psychologischen und szenischen Illusionsmechanismen, mit denen wir uns vom Bühnengeschehen narren lassen.

          Resnais hatte im Lauf der Jahre für sein „Atelier“ (Francois Thomas) ein eingeschworenes Ensemble versammelt, an dessen Spitze seine langjährige Partnerin Sabine Azéma stand, und zu dem auch Pierre Arditi oder André Dussolier gehörten. Mit ihnen schuf er bedeutende Arbeiten wie „On connait le chanson“ („Das Leben ist ein Chanson“) oder erst vor einigen Jahren „Les herbes folles“ („Vorsicht Sehnsucht“, 2009), in dem eine verlorene Brieftasche zum Auslöser einer bizarren Geschichte wurde, die als filmische Umsetzung eines höchst sprachspielerischen Romans vor allem konzeptuellen Ehrgeiz zeigte.

          Einer der berühmtesten Filmtitel von Alain Resnais lautet „Das Leben ist ein Roman“ (1983). Er lässt sich in alle möglichen Richtungen hin variieren: Das Leben war bei Resnais auch Bühne, Comic, Staatstheater, Melodram, und es war dabei eben immer mehr als bloß als Leben. Es war immer in erster Linie eine Kunst, und nicht nur die siebente Kunst, sondern alle Künste haben am Samstag mit Alain Resnais, der im Alter von 91 Jahren im Kreis seiner Familie starb, einen herausragenden Vertreter verloren.

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