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Jean-Pierre Dardenne zum 70. : Filmregie im Traum

Jean-Pierre Dardenne nimmt Filme mit innerer Regung auf. Bild: Getty

Jean-Pierre Dardenne hat mit seinem Bruder Luc zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme gedreht, die von großer Neugier auf Menschen zeugen. Nun wird der Filmemacher siebzig Jahre alt.

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          Wenn die Großen hinter der Filmkamera das, was sie tun, „Realismus“ nennen, ist ihr Anspruch ein unmöglicher: Die Bilder, die von ihrer Suche nach der Welt übrig bleiben, sollen diese Welt selbst sein, obwohl doch Weltgeschehen unwiederholbar ist, das bewegte Bild aber nicht. Die Brüder Dardenne aus Belgien leisten ihre Bildarbeit in so enger Kollaboration, dass sie wie im je anderen verschwunden scheinen; niemand wird wagen, den Anteil, den Jean-Pierre am Ergebnis hat, von dem ablösen zu wollen, der von Luc stammt. Diese das Individuum in der Dyade auflösende Arbeitsweise begünstigt eine von Mutmaßungen über die Absicht „des Autors“ ungetrübte Kunst, die zwischen zwei Polen stattfindet, die Ingmar Bergman benannte, als er sagte, Filme seien entweder Träume oder Dokumente.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Jean-Pierre ist in Engis geboren, Luc drei Jahre später in Awirs, Jean-Pierre hat in Lüttich an der Universität während der Neunziger einen Medienworkshop geleitet, Luc kurz vorher einen Filmkurs in Brüssel: Der eine ist vom anderen immer mal wieder ein bisschen entfernt – es verhält sich wie beim 3D-Kino, wo zwei Blickwinkel sich nicht völlig decken, ein bisschen gegeneinander versetzt sind, nicht völlig fremd. So entsteht Tiefe. Beschirmt von selbstgegründeten Produktionsfirmen, haben die Brüder auf diese Weise Dutzende Dokumentar- und mittlerweile auch schon ein Bündel Spielfilme gedreht.

          Bei Letzteren fasziniert eine merkwürdige Nähe zum Krimi – „Lornas Schweigen“ (2008) zum Beispiel erfüllt, inklusive Mafia-Topos, zentrale Genregesetze derart leichthändig, dass man gar nicht sagen kann, ob die Brüder sie für diese Geschichte eines albanischen Flüchtlingsmädchens nicht einfach gleichsam voraussetzungslos erfunden haben, ohne sie zuvor zu kennen. Ist das ein Traum, ein Dokument oder, wie bei den Dardenne-Brüdern fast immer, eine Ebene höher: Traum eines Dokuments beziehungsweise Dokument eines Traums?

          Während andere inzwischen mit Smartphones Erzeugnisse drehen, die aussehen wollen, als wäre ein gigantischer Apparat zum Einsatz gekommen, wirken Dardenne-Filme oft wie mit Geräten aufgenommen, die es (noch) gar nicht gibt: Maschinen, die einfacher zu bedienen sind als selbst ein Smartphone, nämlich nicht mit Fingern und Augenmaß, sondern rein mittels innerer Regungen der Neugier auf Menschen. Bilder von der Welt machen, die sie gegen Vergehen abdichten und aufbewahren und darin eins mit ihr sind – das geht nicht, das ist unmöglich. Aber die Art und Weise, wie es nicht geht, heißt, wenn man wenigstens das Scheitern an dieser Unmöglichkeit aufrichtig abbildet, mit Recht: Realismus. Heute wird Jean-Pierre Dardenne siebzig Jahre alt.

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