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Kinofilm „Stowaway“ : Langsam rotierende Menschenrechte

Für ein paar ergreifende Minuten die beste Schauspielerin im ganzen, großen, fast leeren, sehr kalten, furchtbar dunklen Kosmos: Anna Kendrick als Astromedizinerin Zoe Levenson. Bild: Netflix

Wie sollen Menschen da leben, wo Leben überhaupt nicht vorgesehen ist? Der Film „Stowaway“ stellt die Frage naturwissenschaftlich, technisch, aber auch moralisch - und gibt sehr drastische Antworten.

          3 Min.

          Menschlich und wissenschaftlich am Ende: So steht Daniel Dae Kim als Biologe David Kim schließlich da; als hätte ihm die per Gehäusetrommelrotation erzeugte künstliche Schwerkraft an Bord des Raumschiffs, das er bewohnt und in dem er forscht, soeben das Herz zerdrückt.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Er wollte doch nur rausfinden, wie wir auf dem Mars, wo die zweijährige Pionierreise hingeht, leben können, das heißt, welche Pflanzen zum Beispiel auf die den dortigen Verhältnissen gemäße Art das Maximum an Sauerstoff produzieren können. Seine Experimente hat er jahrelang mit aller Sorgfalt präpariert, weil sie der ganzen Menschengattung nützen sollen.

          Jetzt aber muss er lernen, dass schon vier Personen reichen, den Gattungsbegriff zu erschüttern. Das Schiff wurde für ihn, eine Pilotin und eine Ärztin gebaut. Es ist nur groß genug für drei plus Material. Aber ein Unfall sperrt einen Bodenbasis-Ingenieur vor dem Start hier ein. Der übersteht den Start bewusstlos und wird erst danach gefunden. Jener Unfall hat die technische Lebenserhaltungsarchitektur des Schiffs schwer beschädigt. Zu den Folgen gehört der Ruin von Kims Versuchen, dann beinah der ethische Kollaps der Gemeinschaft an Bord. Denn Shamier Anderson als blinder Passagier Michael Adams überdehnt den Ressourcenzugriff des Teams, weil er atmet, Masse hat, nicht vorgesehen ist. Als er durchs Fenster zurück zur Erde sieht, scheint die sich vor ihm zu drehen, weil seine Füße, von der Trommelbewegung getäuscht, sich auf festem Boden glauben und das Hirn in den fremdartigen Sinnesdaten nicht Tritt fassen kann.

          Anderson, Kim, außerdem Toni Collette als Kommandantin Marina Barnett und die überragende Anna Kendrick als Medizinerin Zoe Levenson, müssen in Joe Pennas Film „Stowaway“ ständig solcherlei Schocks in Mimik, Gestik, Sprache übersetzen. Der Film geht dabei sehenden Auges an seine Grenzen: „Pictures don’t do it justice“ sagt ein Mensch hier einmal über das, was „Stowaway“ dennoch darstellen will. Es geht um Menschenopfer, etwas, das in rationalen Zeiten (Stichwort: Triage) so aktuell sein kann wie in mythischen. Dass ein wissenschaftlich-technisch fortgeschrittenes Gemeinwesen von unvernünftigen Konflikten durchschimmelt sein kann wie Brot von Pilzen, wird zunächst eher spielerisch angedeutet, etwa über die Rivalität zwischen Yale und Harvard. Dann schneidet „Stowaway“ hauchdünn, aber rasierklingenscharf die derzeit so nachdrücklich in allen Echokammern hallende Frage nach kulturellen und anderen, diese verstärkenden oder durchkreuzenden menschlichen Gruppenidentitäten an: Wieso versteht eigentlich der Asian American auf dieser Expedition mehr von Jazz als der African American? Ist Musikspartenliebe etwa nicht genetisch vorgeprägt?

          Moral im freien Fall

          „Stowaway“ legt sich durchgängig mit größtmöglicher Strenge Rechenschaft darüber ab, dass kein Sollen, keine Moral auf ein Sein, einen Faktenbefund gestellt werden kann wie eine Bildsäule auf einen Sockel. Dennoch ist „das Richtige“ als Verhaltensziel in diesem Film nicht dem Verstand entrückt als innere Stimme von ganz weit draußen. Vielmehr spielt das Drama rigoros die Idee durch, dass die Verhältnisse im All körperlich so sind, wie radikal dezisionistische Handlungstheorien sie im Sozialen sehen: Schlechterdings gar nichts ist an irgendwas anderem untrennbar festgemacht, immer in Newtonscher Bewegung („alles geht so weiter, bis eine Gegenkraft dem Gegebenen effektiv zuwiderwirkt“). Genau wie in Alice Winocours Film „Proxima – Die Astronautin“, der ebenfalls diese Woche in deutsche Kinos kommt, wird das Zentraldilemma der Heldin (dort Eva Green, hier Anna Kendrick) vom Abstand zwischen dem Menschengemäßen und dem schlechthin Unmenschlichen aufgezwungen. Es geht ums Menschsein, auch das biologische (Green spielt eine Mutter, Kendrick eine Heilerin), aber jenseits der für Biologie eingerichteten Welt.

          „Proxima“ ist dabei die altmodischere Variante, in der das heroische Individuum die Sache mit seinem Herzen ausmachen muss; in „Stowaway“ dagegen hat Eigensinn nur solidarisch einen Zweck und Solidarität umgekehrt nur als singulärer Akt. Die Gruppe beglaubigt den Individualismus wie dieser jene – keine dumme Lösung für eine Zivilisation auf dem derzeit erreichten Grad von gegenseitiger Abhängigkeit aller voneinander.

          Seine Experimente sollten der ganzen Menschheit nützen: Daniel Dae Kim als Biologe David Kim
          Seine Experimente sollten der ganzen Menschheit nützen: Daniel Dae Kim als Biologe David Kim : Bild: AP

          „Naturgesetze treffen auf menschengemachte Regeln, ohne Kommunikation darüber droht die Katastrophe“: Diese Thematik und die ihr zugeneigte Fabel-Anlage „Ich will nicht auf Kosten anderer leben, egal, was der faktische Befund sagt“ sind im Weltraumkino nicht neu – ihre erste klassische Vereinigung hat 1963 der sowjetische Film „Begegnung im All“ von Michail Karjukow und Otar Koberidse vollzogen; narrative Blaupause des Ganzen ist die Erzählung „The Cold Equations“ (1954) von Tom Godwin. Selten aber wurde seither die betreffende Grundkonstellation als Ineinandergreifen von Natur- und Sozialverhältnissen so klar inszeniert wie in „Stowaway“ – nicht etwa, weil jedes technische Detail realitätsgemäß gesetzt wäre, sondern weil jedes, das vorkommt, so viel sagt, etwa Kims Pflanzenversuche, bei denen gravitrope Landgewächse sich als zu anspruchsvoll erweisen in Sachen Erdschwerkraft, Feuchtigkeit, Temperatur, Druck. Das Schicksal der Alternative in aquatischer Umwelt visualisiert brutal deutlich das stets zu befürchtende Nichtmitmachen der Natur beim Gesellschaftsspiel „Überleben“.

          Die Idee, dass sich dennoch etwas denken, finden oder herstellen lassen könnte, das sowohl einzelnen Menschen als auch der Gattung verständlich ist als transzendenter Fluchtpunkt ihrer materiellen und geistigen Selbstbehauptung, ist ein ganz kleines, fernes, rotes Licht im Schlussbild des Films. Wir sehen es mit Zoes Augen, menschlichen also, und erfahren auf diese Weise, wie groß, weit, tief, buchstäblich allumfassend das bei allem Zweifel immer noch sein kann, was hier unten, bei uns, „Mensch“ heißt.

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