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Science-Fiction-Film „Snowpiercer“ : Und wenn der ganze Schnee verbrennt

Chris Evans als Curtis Bild: MFA+ FilmDistribution e.K.

Eine internationale Großfilmproduktion als Zwischenbericht aus der zunehmenden sozialen Vergletscherung: „Snowpiercer“ von Bong Joon-Ho lässt Stars und Maschinen unser Elend beschleunigen.

          Nachhaltigkeit als Schreckensregime, ein Vorgeschmack: Je gründlicher der Planet verhunzt wird – das ließe sich selbst ohne Klimawandel nicht übersehen, ausgelaugte Böden und überfischte Meere sind schlimm genug –, desto wahrscheinlicher wird für das Ende des laufenden und den Beginn des nächsten Jahrhunderts das erste Auftreten der neuen experimentellen Staatsform „Ökodiktatur“. Die Ärmsten trifft es wahrscheinlich zuerst, bei so was haben sie meistens Vorfahrt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho, der 2006 so gescheit war, die Gattung Monsterfilm mit „The Host“ aus der Zwickmühle zu befreien, in die sie im Westen zwischen schalem Roland-Emmerich-Schwachsinn und neunmalklugen „Cloverfield“-Filmhochschulabschlussarbeiten geraten war, beweist mit „Snowpiercer“ die Filmtauglichkeit kommender autoritärer Antworten auf die Frage nach der Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen, indem er diesen ökopolitischen Stoff auf engstem Erzählraum mit älteren sozialen Fragen kurzschließt.

          Die vorwärtsstrebende Gesellschaft dreht sich im Kreis

          Die Welt, die der Film voraussetzt, ist eine lebensfeindliche Eishölle; Menschen überdauern darin nur als abgeschottete, streng hierarchisierte und nach Waggons segmentierte Notgemeinschaft – in einem Zug, der nirgends je hält und in dem daher alles, was geschieht, die stete Wiederkehr des aussichtslos Immergleichen bedeutet. Ein Jahr braucht diese immense Eisenbahn (die Comic-Vorlage spricht von „tausend Wagen“), um die zum Gefrierschockbild erstarrte Erde zu umrunden.

          Am Zugende leben Zerlumpte und Perspektivlose, vorne sitzt der Ingenieur – die Metapher ist vorzüglich, weil sie mit dem längst nicht mehr zeitgemäßen, schon gegen Ende des Feudalismus im Grunde erledigten vertikalen Muster „Ihr da oben – wir da unten“ aufräumt und es durch eine horizontale, von allerlei Durchgangssperren regulierte Ordnung ersetzt, in der die Leute umso angeschmierter sind, je weiter sie gegenüber der unablässig vorwärtsdrängenden sozialen Gesamtdynamik zurückfallen. Nur in Fahrtrichtung, heißt das, nehmen Energie und Information zu, die Leitgrößen der beiden Achsen, an denen entlang sich heute das verwirklicht, was in überschaubareren Zeiten „Entwicklung der Produktivkräfte“ hieß.

          Die Erde nach dem dritten Weltkrieg: Der fehlgeschlagene Versuch, die Erderwärmung aufzuhalten, hat eine ewige Eiszeit ausgelöst Bilderstrecke

          Mit Leben erfüllen dieses hochanschauliche Schema in „Snowpiercer“ erstens internationale Hochleistungsdarsteller von Chris Evans bis Song-Kang Ho und zweitens ein abwechslungsreich-episodischer Erzählstil, der die aus dem südkoreanischen wie japanischen, zunehmend auch aus dem chinesischen Kino geläufige Umsicht bei der Parallelsynthese von einander zwar immer wieder unterbrechenden, aber absolut gleichwertigen Handlungseinheiten beweist, welche gemeinsam absichtsvoll quer zu den handelsüblich-westlichen Blockbuster-Klammerarchitekturen aus ringförmig arrangierten Haupt- und Nebenstory-Blöcken stehen.

          Die offensichtlichste dieser „Snowpiercer“-Ploteinheiten arbeitet sich Torsperre für Torsperre lokwärts – ein erster Höhepunkt des Films ist auch ihrer, nämlich ein gebremst veitstanzendes Gemetzel in expressiv instabilem Helldunkel, bei dem der Ansturm der Entrechteten auf die Metzger der Zugpolizei sich freizügigst gleichermaßen beim Ritterfilm wie bei Sergei Eisenstein bedient.

          Ein anderer Strang ist die effizient durchformalisierte Heldenerzählung vom designierten Befreier, einer Rolle, die sich im Laufe des Geschehens immer würgender um den Hals von Chris Evans legt, der als Rebellenhoffnung Curtis vergeblich versucht, nicht auf seine abgeschmackte Erlöserfunktion reduziert zu werden – im Zug sind die Leute nun mal einzig das, was sie irgendwem nützen können, das gilt nicht nur für den ehemaligen Violinisten des Boston Symphony Orchestra, sondern auch für den Proleten-Messias.

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