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„Skin“ im Kino : Gibt es überhaupt noch Einzeltäter?

  • -Aktualisiert am

Will dem Hass und der Gewalt entkommen – auch optisch: Jamie Bell als Bryon Widner in einer Szene des Films „Skin" Bild: dpa

Allgegenwart und Vernetzung des rechtsextremen Terrors: Der Film „Skin“ erzählt die Geschichte eines Aussteigers aus der rechten Szene – und könnte gerade nicht aktueller sein.

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          Mittwoch war ein langer, schlimmer Tag für die jüdische Gemeinde in Deutschland und in Halle. Der mutmaßliche Schütze, hieß es nunmehr aus Sicherheitskreisen, habe „als Einzeltäter“ gehandelt. Dass er auch bereits festgenommen worden war, konnte den Eindruck erwecken, dass die Sicherheitskräfte, die schnell und mit erheblicher Mannschaftsstärke angerückt waren, wieder Herrschaft über die Lage erlangt hatten. Die in Halle tagsüber wegen einer „Amok-Lage“ aus der Öffentlichkeit verbannten Einwohner durften ihre Häuser wieder verlassen. Vielerorts in Deutschland gingen Menschen in Kirchen, demonstrierten oder suchten, um Solidarität zu bekunden, Synagogen auf. Während so die sozialen Medien Bilder singender, dicht aneinandergedrängter, erschütterter Menschen zeigten, wurde bekannt, dass auch der Täter – allerdings ganz andere – Bilder produziert hatte: Während seiner Taten streamte er ein teilweise mit englischsprachigen Erklärungen versehenes Live-Video ins Internet, das dort auch innerhalb kürzester Zeit große Verbreitung fand, bevor es dann von der Plattform gelöscht wurde. Gleichzeitig mit dieser für die Bundesrepublik beispiellosen Tat wurde in Halle, in Leipzig, Dresden, aber auch in Hamburg, Berlin oder Dortmund der am Tag der Deutschen Einheit angelaufene Spielfilm „Skin“ in Kinos gezeigt, den der aus Tel Aviv stammende Regisseur Guy Nattiv gedreht hat.

          Der knapp zwei Stunden lange Film erzählt eine Geschichte von Neonazis und ihrem Umfeld in den Vereinigten Staaten, von der rücksichtslosen und kühl auf ihre Wirkung kalkulierten Gewalt, die Angehörige dieser Gruppen ausüben – und er wirft beunruhigende Fragen auf, darunter auch die, ob es angesichts der Allgegenwart und Vernetzung des rechtsextremen Terrors in der westlichen Welt so etwas wie Einzeltäter überhaupt noch geben kann. Vor allem eröffnet Nattivs eindringlicher Film einen Blick in das Leben rechtsextremer Gewalttäter, der weder voyeuristisch noch verständnisheischend ist. Ihn interessieren nicht biographische Details seiner Filmfiguren und keine individuellen Erklärungen ihrer Verhaltensweisen.

          Die eigene Haut retten

          „Skin“ wird geleitet von der Frage, wie es dem Protagonisten seiner Geschichte, dem amerikanischen Skinhead Bryon Widner (gespielt von Jamie Bell), der zu Beginn des Filmes einen Jugendliche zusammenschlägt und ihm SS-Runen ins Gesicht schneidet, gelingt, sich aus der rechtsextremen „Viking“-Bewegung zu lösen und im Zeugenschutz-Programm des FBI gegen seine früheren Kameraden auszusagen. Nattiv hat „Skin“ auf Grundlage einer realen Geschichte konzipiert und gedreht. Der Ausstieg des echten Bryon Widner, der sechzehn Jahre als rechtsextremer, gewaltorientierter Skinhead gelebt hatte, zog sich über mehrere Jahre, es gab harte Rückschläge. Unentbehrlich in der Realität und im Film war für Widner auch die professionelle Unterstützung des schwarzen Bürgerrechtsaktivisten Daryle Lamont Jenkins und seiner Organisation One People’s Project, die sich unter dem Motto „Hass hat Konsequenzen“ der Beobachtung von rechtsextremen Gruppen und ihren scheinbar bürgerlichen Unterstützern verschrieben hat, aber auch potentielle Aussteiger identifiziert, anspricht und begleitet – vorausgesetzt, dass diese auch zu Aussagen gegen die klandestinen rechtsextremen Netzwerke bereit sind. Die Gewalt in dieser Szene ist direkt oder indirekt stets eine Angelegenheit der Gruppe, der Ausstieg aber muss vom Einzelnen allein geleistet werden.

          Der Film beobachtet die kleinen Momente, in denen Widner nicht mehr mit seiner rechten Peergroup konform geht, zweifelt, immer öfter mit seinem Hund eigene Wege geht, Kontakt zu anderen sucht, zu Jenkins, vor allem aber zu einer ebenfalls früher in die rechte Szene eingebundenen Frau und ihren Töchtern. Endgültig wird die Entscheidung mit seinem Entschluss, seine eigene Haut zu retten und die seinen ganzen Körper und sein Gesicht verunstaltenden Tattoos mit rechten Sprüchen und Symbolen in schmerzhaften und quälenden, optisch allerdings höchst eindrucksvollen Eingriffen weglasern zu lassen.

          Wer „Skin“ gesehen hat, bekommt einen Eindruck davon, was für eine Bedeutung ein Aussteiger-Programm für eine Zivilgesellschaft haben kann: nicht als einziges Mittel gegen rechtsextreme Strukturen, aber als ein besonders wertvolles – auch wenn man an der Fotowand mit Aussteigern, auf die die Kamera am Ende von „Skin“ dezent schwenkt, dort kaum mehr als zwei Dutzend Fotos sieht. Und man kann sich freuen, dass es auch in Deutschland ein vergleichbares Projekt gibt. Das vor knapp zwanzig Jahren gegründete „Exit“ von Bernd Wagner, das derzeit 115 Aussteigerinnen und Aussteiger betreut, hat vor kurzem allerdings anders von sich reden gemacht, als man erwarten könnte: Ihm droht, dass es keine Fördergelder mehr erhält.

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