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Film „Piripkura“ im Kino : So lange sie leben – aber leben sie noch?

  • -Aktualisiert am

Leicht zu finden sind sie nicht: Sind zwei Ureinwohner ein Volk? Bild: Mindjazz Pictures

Sie sind ein Volk: Die Piripukra im Regenwald Brasiliens zählen noch drei lebende Angehörige. Und ihre Zukunft schrumpft täglich. Ein Dokumentarfilm geht der Verdrängung indigener Völker nach.

          3 Min.

          Das Volk der Sentinelesen, das sich kürzlich einen christlichen Missionsversuch mit tödlichen Pfeilen auf den amerikanischen Staatsbürger John Allen Chau verbeten hat, hat gegenüber dem indigenen Volk der Piripkura in Brasilien einen großen Vorteil: Sie leben auf einer selbst für heutige globalisierte Verhältnisse abgelegenen Insel. Die Piripkura haben in gewisser Hinsicht auch eine Insel, allerdings eine, die täglich schrumpft: dem Regenwald setzen Menschen zu, die eine andere Verwendung für das Land haben, auf dem die Bäume stehen und auf dem ein komplexes Ökosystem beruht.

          Die Piripkura haben im Vergleich mit den Sentinelesen auch noch einen bedeutenden Nachteil: sie sind nur mehr zu dritt. Es mag grotesk anmuten, in so einem Fall noch von einem Volk zu sprechen, doch sowohl der brasilianische Dokumentarfilm „Piripkura“ wie die naheliegenden Analogien zum aktuellen Fall auf den Andamanen verweisen auf prinzipielle Fragen, und da ist es dann im Grunde egal, ob es um hundert Menschen geht oder um drei. Auf dem Spiel stehen relativ spät begriffene Implikationen der Humanität: wenn wirklich jedes Menschenwesen individuell auskömmlich durchs Leben kommen soll, wie man einen berühmten Anspruch aus der Aufklärung ins Irdische umdeuten könnte, dann braucht es auch entsprechende Ökosysteme. Das Wort Lebensraum kann man nicht mehr unbefangen verwenden, auch wenn es im Fall des Regenwalds gut passt, weil sich zwischen den Bäumen so viel Leben regt.

          Mit den Piripkura hat es in Brasilien eine besondere Bewandtnis. Sie sind der Anlass für ein Landnutzungsverbot, das verfallen würde, wenn es keine Piripkura mehr geben würde. Die einzige weibliche Vertreterin des Volks hat bereits die Seiten gewechselt, sie lebt auf einer Station, von der aus indigene Menschen betreut werden. Ihre beiden männlichen Verwandten Pakyi und Tamandua aber leben noch nach traditioneller Art, und das bedeutet nicht zuletzt: niemand weiß, wo genau sie leben. Der Film von Mariana Oliva, Renata Terra und Bruno Jorge berichtet also von einer Suchexpedition, die einen Zirkelschluss enthält: Um eine Politik zu legitimieren, die Lebensverhältnisse für indigene Menschen schützen soll, müssen diese Menschen in einer Gegend aufgespürt werden, deren Charakteristik nicht zuletzt ihre Kapazitäten für das Darin-Verschwinden ausmachen.

          Die beiden letzten Piripkura

          Ganz ohne institutionelle Einbindung kann man so einen Film kaum machen. Die zentrale Figur in „Piripkura“ ist Jair Candor, ein großgewachsener, schlanker, grauhaariger Mann. Er arbeitet für die Behörde FUNAI (Fundação Nacional do Indio), an deren Agenda die Dokumentarfilmer sich anschließen. Wenn Pakyi und Tamandua nicht mehr aufzufinden wären, dann würde das auch bedeuten, dass wieder einmal ein Kapitel in einem langen Rückzugsgefecht abzuschließen wäre. So weit ist es aber noch nicht, denn Jair Candor ist nicht nur überzeugt davon, dass er die beiden Männer (Onkel und Neffe) finden kann, er stützt seine Überzeugung auch auf konkrete Spuren.

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          Die beiden letzten Piripkura hinterlassen Indizien. Vor allem immer wieder Unterstände (Tapiri), notdürftige Verschläge, um sich gegen den häufigen Regen zu schützen. Brandstellen, an denen Fische zubereitet wurden. Manchmal irgendwo ein abgeschlagener Holzstamm, von dem Candor fachmännisch feststellt, dass der Schnitt zwei Jahre alt ist.

          Das fühlt sich dann für einen Moment so an wie die legendäre Expertise von Winnetou und Old Shatterhand in den Angelegenheiten der Metrisierung von Aufrichtungsgraden bei kürzlich von Pferdehufen flach gelegtem Präriegras. Aber es wird schon eine plausible Bewandtnis damit haben, denn Candor ist ein Mann mit natürlicher Autorität. Zugleich ist er aber eben auch Funktionär, und einem Film wie „Piripkura“ hätte ein etwas reflektierterer Blick auf die brasilianische Politik nicht geschadet. An einer Stelle sieht man im Fernsehen einen Bericht aus der Hauptstadt, der darauf verweist, dass gerade das Amtsenthebungsverfahren gegen die damalige Präsidentin Dilma Rousseff zum Ende kommt.

          Dieser Wendepunkt, der erste Schritt zum jetzigen Präsidenten, dem Radikalen Jair Bolsonaro, ist für die Indigenenpolitik von enormer Bedeutung und wird hier wohl zu beiläufig gestreift. Man verrät nicht zu viel, wenn man preisgibt, dass es sich bei dem Dokumentarfilm „Piripkura“ nicht um eine allegorische Suchbewegung ins Leere handelt. Die beiden letzten Vertreter ihres Volkes lassen sich finden, und die Szenen dieser Begegnung sind tatsächlich von großem Interesse. Am Anfang steht nämlich das Feuer, wie in der Urzeitfantasie von Jean-Jacques Annaud, nur halt mit viel weniger Grunzlauten. Pakyi und Tamandua tragen das Feuer in Gestalt eines glosenden Holzscheits immer bei sich, und wenn es stimmt, wie der Film es behauptet, dass sie von 1998 bis 2006 so durch die Zeit (und die Regenfälle) gekommen sind, dann ist das allein schon eine Leistung, die Zeugen in aller Welt verdient.

          Als sie wieder in ihr ursprüngliches Leben zurückkehren, tragen sie T-Shirts und sagen „ciao“. Pfeile brauchen sie nicht. Sie haben sowieso nur die Chance, sich in ihrer täglich schwindenden Zukunft zu verstecken.

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