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„Der Clan der Kinder“ im Kino : Denn sie wissen, was sie tun

Todesfahrt eines ehemaligen Muttersöhnchens: Nicola (Francesco Di Napoli, links) terrorisiert sein Viertel. Bild: PROKINO Filmverleih GmbH

Der Film „Paranza – Der Clan der Kinder“ ist nach einer Romanvorlage des Mafia-Aufklärers Roberto Saviano entstanden. Er zeigt, wie in Neapel aus Teenagern gnadenlose Killer werden.

          4 Min.

          Bella Napoli – das ist, aus der Ferne betrachtet, doch nur ein Klischee: morbide Notblüte, pizza, amore und grande opera, Chaos, Müll und Lärm in von Wäscheleinen überspannten Altstadtgassen – und ab und zu ein Erschossener auf dem Asphalt. Eine alte Stadt am Rande Europas, schwelgend in Grausamkeit, Schönheit und Verfall, auf ewig bedroht von ihren drei fatalen Übeln, dem Vesuv, der korrupten Politik und der organisierten Kriminalität.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Neapel, das ist, von innen betrachtet, mit den Augen des fünfzehnjährigen Nicola, der im Zentrum dieses neuen Films nach einer Romanvorlage des Mafia-Rechercheurs Roberto Saviano steht, ebenjenes malerisch anmutende Gassengewirr in den Vierteln Spagnoli und Sanità. Es ist der Ort, an dem Nicolas Mutter eine kleine Wäscherei betreibt, durch den er mit anderen Jungs auf Motorrollern brettert, um Mädchen zu beeindrucken, in dem Jugendliche sich die Nasen an Schaufenstern mit Luxusuhren und Markenschuhen platt drücken – und ein Schlachtfeld.

          Nicola ist Anführer einer Bande von Baby-Mafiosi und vielleicht bald ein Killer. Der Weg war kurz vom Raubüberfall mit Pistolenattrappe und Handlangerdiensten als Drogendealer für andere, (noch) mächtigere, zur Herrschaft über ein Revier, das er und seine Jungs nun mit automatischen Waffen gegen andere Gangs verteidigen. Das Feld bereitet haben paradoxerweise auch Erfolge der Justiz: Die Bosse der Camorra, für Nicola fast schon mystische Gestalten der Vorzeit, sind hinter Gittern gelandet, so sie nicht in Clan-Kriegen gefallen sind. Weder die Staatsgewalt noch die verbliebenen Statthalter der kriminellen Familien vermochten das Machtvakuum zu füllen, in das nun aus dem Kleinbürgertum halbe Kinder stoßen.

          Skrupelloser und enthemmter noch als die Mafiosi aus der Generation ihrer Väter, terrorisieren sie ihre Viertel. An überkommene Regeln fühlen sie sich ebenso wenig gebunden wie an einen Ehrenkodex. Ihre Verbundenheit wirkt wie wilder Tribalismus. Sie wollen alles, sofort: Macht, Geld, Status. Der Tod schreckt sie nicht. Nach jedem Raubzug berauschen sie sich am Gefühl, alles an sich reißen zu können, was sie begehren. Diese Kinder geben sich der perversen Illusion maximaler Freiheit hin, selbst wenn sie, bemitleidenswert zugedröhnt von Kokain, in einer schmuddeligen Bude mit Prostituierten abhängen oder um das Leben des kleinen Bruders bangen, der von einer Kugel getroffen wurde. Und der Bäckergeselle Francesco Di Napoli, wie alle jugendlichen Darsteller ein Laienschauspieler aus Neapels Altstadt, spiegelt in seinem modeltauglichen Gesicht, wie Übermut, Wut und kindliche Unschuld der Gefühlsstumpfheit eines Verlorenen weichen, als wolle er sich mit dem sehr jungen Alain Delon messen.

          Nur scheinbar unbeschwert: Francesco Di Napoli (links) als Nicola, Luca Nacarlo als sein kleiner Bruder Christian und Viviana Aprea als Letizia.
          Nur scheinbar unbeschwert: Francesco Di Napoli (links) als Nicola, Luca Nacarlo als sein kleiner Bruder Christian und Viviana Aprea als Letizia. : Bild: dpa

          In der Rolle Nicolas ist Di Napoli – nomen est omen – die eigentliche Entdeckung dieses Films. Vielleicht auch weil ihm genau die Distanz zu dessen Gegenstand fehlt, die der mit dem Erbe des Neorealismus flirtenden Inszenierung des Regisseurs Claudio Giovannesi dann doch zu eigen ist. Dabei hat Giovannesi, der zusammen mit Roberto Saviano und Maurizio Braucci auch das Drehbuch geschrieben hat, viel dafür getan, das Geschehen vor Ort zu verwurzeln, ein authentisches Gefühl für die Menschen und ihre Stadt zu vermitteln.

          Gedreht wurde chronologisch, an Originalschauplätzen, ohne dass das Ensemble das Drehbuch vorab gelesen hätte. Die Darsteller sprechen ihren neapolitanischen Dialekt. All das verleiht vielen Szenen eine Unfertig- und Unmittelbarkeit, die über manche Längen und dramaturgische Schwächen hinwegtragen. Die Liebesgeschichte zwischen Nicola und Letizia (Viviana Aprea) bleibt auch nach 105 Minuten unterentwickelt, um starke Emotionen zu wecken; die Charaktere und Motivationen der Gang-Mitglieder werden nur vage umrissen. Da ist man froh, sie anhand ihrer Spitznamen und Frisuren auseinanderhalten zu können. Aber dann tanzt die Kamera von Daniele Ciprì wieder im Gewühl der Disco mit, dass man sich nicht losreißen mag, filmt wie vom Rücksitz eines Motorrollers die große Kitsch-Geste aus bündelweise roten Luftballons, mit der Nicola seine Angebetete betören will, und hält kühl aus halber Distanz drauf, wenn wieder Schüsse fallen. Denn die da durchladen, wissen, was sie tun.

          Roberto Saviano hat seinen an wahre Begebenheiten angelehnten Roman „La paranza dei bambini“ – was so viel bedeutet wie „Fischzug der Kinder“ – 2016 veröffentlicht, als die inzwischen nach massiven Polizeieinsätzen abgeebbten Gewaltexzesse der Baby-Mafiosi in Neapel gerade ihren Zenit überschritten hatten. Der gebürtige Neapolitaner, den die Camorra wegen der Enthüllungen seines Tatsachenromans „Gomorrha“ seit 2006 mit dem Tode bedroht, lebte da schon seit zehn Jahren unter Polizeischutz und öfter außer Landes.

          Auf Recherche durch die Straßen seiner Heimatstadt ziehen konnte er nicht mehr. Und so musste sein Buch, dessen Titel wie die tatsächliche Bezeichnung der Jugendbanden auf eine spezielle Fangtechnik anspielt, bei der kleine Fische im Dunkeln, von einem künstlichen Licht geblendet, ins Netz getrieben werden, im Gewand einer assoziativ vorangetriebenen Erzählung auch Neapel herbeischreiben. Der stringente Erzählfaden wurde erst für das Drehbuch gesponnen. Dafür gab es auf der Berlinale einen Silbernen Bären.

          Stark macht der Film den Punkt, den auch der Roman treffen wollte: Die Gewalt dieser Jugendlichen folgt keinem Ziel, sie ist, wie Saviano es ausdrückt, „die Antwort auf eine beinahe vollkommene Leere“. Das staatliche Ordnungssystem ist praktisch nicht vorhanden. Liegt es da nicht nahe, lieber selbst Schutzgelder zu erpressen als, wie die Mutter des Helden, pizzi herausgeben zu müssen? Doch nicht nur der Staat ist abwesend, auch die Erwachsenen, besonders die Väter, sind für die Jugendlichen beinahe inexistent.

          Die Tragik ihres kompensatorischen Männlichkeitskults ironisiert der Film dadurch, dass er Nicola ausgerechnet als Mädchen verkleidet zum Morden ausschickt. Anders als die klotzende Serienadaption von „Gomorrha“ liebt der Film, der das massive Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Italien nur andeutet, solche beinahe rührenden Momente. Er will zeigen: Ohne Rollenvorbilder, die den Weg hinaus weisen in die Welt, prallt der Blick immer wieder gegen die nächste Hauswand im Viertel, wird die Perspektive enger und enger, bis die Karriere von kleinen zu großen Verbrechen nur noch den Tunnelblick in den Abgrund zulässt. Das aber ist eine Diagnose, die auf sämtliche Problemviertel dieser Welt zutrifft.

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