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„Der Clan der Kinder“ im Kino : Denn sie wissen, was sie tun

Todesfahrt eines ehemaligen Muttersöhnchens: Nicola (Francesco Di Napoli, links) terrorisiert sein Viertel. Bild: PROKINO Filmverleih GmbH

Der Film „Paranza – Der Clan der Kinder“ ist nach einer Romanvorlage des Mafia-Aufklärers Roberto Saviano entstanden. Er zeigt, wie in Neapel aus Teenagern gnadenlose Killer werden.

          Bella Napoli – das ist, aus der Ferne betrachtet, doch nur ein Klischee: morbide Notblüte, pizza, amore und grande opera, Chaos, Müll und Lärm in von Wäscheleinen überspannten Altstadtgassen – und ab und zu ein Erschossener auf dem Asphalt. Eine alte Stadt am Rande Europas, schwelgend in Grausamkeit, Schönheit und Verfall, auf ewig bedroht von ihren drei fatalen Übeln, dem Vesuv, der korrupten Politik und der organisierten Kriminalität.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Neapel, das ist, von innen betrachtet, mit den Augen des fünfzehnjährigen Nicola, der im Zentrum dieses neuen Films nach einer Romanvorlage des Mafia-Rechercheurs Roberto Saviano steht, ebenjenes malerisch anmutende Gassengewirr in den Vierteln Spagnoli und Sanità. Es ist der Ort, an dem Nicolas Mutter eine kleine Wäscherei betreibt, durch den er mit anderen Jungs auf Motorrollern brettert, um Mädchen zu beeindrucken, in dem Jugendliche sich die Nasen an Schaufenstern mit Luxusuhren und Markenschuhen platt drücken – und ein Schlachtfeld.

          Nicola ist Anführer einer Bande von Baby-Mafiosi und vielleicht bald ein Killer. Der Weg war kurz vom Raubüberfall mit Pistolenattrappe und Handlangerdiensten als Drogendealer für andere, (noch) mächtigere, zur Herrschaft über ein Revier, das er und seine Jungs nun mit automatischen Waffen gegen andere Gangs verteidigen. Das Feld bereitet haben paradoxerweise auch Erfolge der Justiz: Die Bosse der Camorra, für Nicola fast schon mystische Gestalten der Vorzeit, sind hinter Gittern gelandet, so sie nicht in Clan-Kriegen gefallen sind. Weder die Staatsgewalt noch die verbliebenen Statthalter der kriminellen Familien vermochten das Machtvakuum zu füllen, in das nun aus dem Kleinbürgertum halbe Kinder stoßen.

          Skrupelloser und enthemmter noch als die Mafiosi aus der Generation ihrer Väter, terrorisieren sie ihre Viertel. An überkommene Regeln fühlen sie sich ebenso wenig gebunden wie an einen Ehrenkodex. Ihre Verbundenheit wirkt wie wilder Tribalismus. Sie wollen alles, sofort: Macht, Geld, Status. Der Tod schreckt sie nicht. Nach jedem Raubzug berauschen sie sich am Gefühl, alles an sich reißen zu können, was sie begehren. Diese Kinder geben sich der perversen Illusion maximaler Freiheit hin, selbst wenn sie, bemitleidenswert zugedröhnt von Kokain, in einer schmuddeligen Bude mit Prostituierten abhängen oder um das Leben des kleinen Bruders bangen, der von einer Kugel getroffen wurde. Und der Bäckergeselle Francesco Di Napoli, wie alle jugendlichen Darsteller ein Laienschauspieler aus Neapels Altstadt, spiegelt in seinem modeltauglichen Gesicht, wie Übermut, Wut und kindliche Unschuld der Gefühlsstumpfheit eines Verlorenen weichen, als wolle er sich mit dem sehr jungen Alain Delon messen.

          Nur scheinbar unbeschwert: Francesco Di Napoli (links) als Nicola, Luca Nacarlo als sein kleiner Bruder Christian und Viviana Aprea als Letizia.

          In der Rolle Nicolas ist Di Napoli – nomen est omen – die eigentliche Entdeckung dieses Films. Vielleicht auch weil ihm genau die Distanz zu dessen Gegenstand fehlt, die der mit dem Erbe des Neorealismus flirtenden Inszenierung des Regisseurs Claudio Giovannesi dann doch zu eigen ist. Dabei hat Giovannesi, der zusammen mit Roberto Saviano und Maurizio Braucci auch das Drehbuch geschrieben hat, viel dafür getan, das Geschehen vor Ort zu verwurzeln, ein authentisches Gefühl für die Menschen und ihre Stadt zu vermitteln.

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