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„Der Clan der Kinder“ im Kino : Denn sie wissen, was sie tun

Gedreht wurde chronologisch, an Originalschauplätzen, ohne dass das Ensemble das Drehbuch vorab gelesen hätte. Die Darsteller sprechen ihren neapolitanischen Dialekt. All das verleiht vielen Szenen eine Unfertig- und Unmittelbarkeit, die über manche Längen und dramaturgische Schwächen hinwegtragen. Die Liebesgeschichte zwischen Nicola und Letizia (Viviana Aprea) bleibt auch nach 105 Minuten unterentwickelt, um starke Emotionen zu wecken; die Charaktere und Motivationen der Gang-Mitglieder werden nur vage umrissen. Da ist man froh, sie anhand ihrer Spitznamen und Frisuren auseinanderhalten zu können. Aber dann tanzt die Kamera von Daniele Ciprì wieder im Gewühl der Disco mit, dass man sich nicht losreißen mag, filmt wie vom Rücksitz eines Motorrollers die große Kitsch-Geste aus bündelweise roten Luftballons, mit der Nicola seine Angebetete betören will, und hält kühl aus halber Distanz drauf, wenn wieder Schüsse fallen. Denn die da durchladen, wissen, was sie tun.

Roberto Saviano hat seinen an wahre Begebenheiten angelehnten Roman „La paranza dei bambini“ – was so viel bedeutet wie „Fischzug der Kinder“ – 2016 veröffentlicht, als die inzwischen nach massiven Polizeieinsätzen abgeebbten Gewaltexzesse der Baby-Mafiosi in Neapel gerade ihren Zenit überschritten hatten. Der gebürtige Neapolitaner, den die Camorra wegen der Enthüllungen seines Tatsachenromans „Gomorrha“ seit 2006 mit dem Tode bedroht, lebte da schon seit zehn Jahren unter Polizeischutz und öfter außer Landes.

Auf Recherche durch die Straßen seiner Heimatstadt ziehen konnte er nicht mehr. Und so musste sein Buch, dessen Titel wie die tatsächliche Bezeichnung der Jugendbanden auf eine spezielle Fangtechnik anspielt, bei der kleine Fische im Dunkeln, von einem künstlichen Licht geblendet, ins Netz getrieben werden, im Gewand einer assoziativ vorangetriebenen Erzählung auch Neapel herbeischreiben. Der stringente Erzählfaden wurde erst für das Drehbuch gesponnen. Dafür gab es auf der Berlinale einen Silbernen Bären.

Stark macht der Film den Punkt, den auch der Roman treffen wollte: Die Gewalt dieser Jugendlichen folgt keinem Ziel, sie ist, wie Saviano es ausdrückt, „die Antwort auf eine beinahe vollkommene Leere“. Das staatliche Ordnungssystem ist praktisch nicht vorhanden. Liegt es da nicht nahe, lieber selbst Schutzgelder zu erpressen als, wie die Mutter des Helden, pizzi herausgeben zu müssen? Doch nicht nur der Staat ist abwesend, auch die Erwachsenen, besonders die Väter, sind für die Jugendlichen beinahe inexistent.

Die Tragik ihres kompensatorischen Männlichkeitskults ironisiert der Film dadurch, dass er Nicola ausgerechnet als Mädchen verkleidet zum Morden ausschickt. Anders als die klotzende Serienadaption von „Gomorrha“ liebt der Film, der das massive Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Italien nur andeutet, solche beinahe rührenden Momente. Er will zeigen: Ohne Rollenvorbilder, die den Weg hinaus weisen in die Welt, prallt der Blick immer wieder gegen die nächste Hauswand im Viertel, wird die Perspektive enger und enger, bis die Karriere von kleinen zu großen Verbrechen nur noch den Tunnelblick in den Abgrund zulässt. Das aber ist eine Diagnose, die auf sämtliche Problemviertel dieser Welt zutrifft.

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