https://www.faz.net/-gqz-9wiyr

Rumänischer Film „La Gomera“ : Indizien einer korrupten Welt

  • -Aktualisiert am

Nicht jeder Polizist vertritt das Gesetz in dem Koruptionsthriller „La Gomera“ Bild: Alamode Film

Zwanzig Jahre Blüte und kein Ende in Sicht: Das rumänische Kino hat einen ganz besonderen Stil. Corneliu Porumboius Korruptionsthriller „La Gomera“ zeigt, wie weit man ihn drehen kann.

          4 Min.

          Mit der Sprache El Silbo Gomero hat es eine Reihe von interessanten Bewandtnissen. Sie wird nicht gesprochen, sondern gepfiffen. Man muss dazu Finger auf eine bestimmte Weise in den Mund stecken („wie einen Pistolenlauf“, sagt jemand), sodass sich Laute ergeben, die Buchstaben entsprechen. Ob der Silbo eine Sprache ist, oder eher eine Übersetzung in ein anderes Zeichensystem, darüber kann man trefflich streiten. Es sind Diskussionen dieser Art, die den rumänischen Filmintellektuellen Corneliu Porumbiou von jeher interessiert haben. Und er führt sie in seinem neuen Thriller „La Gomera“ weiter, indem er einen Polizisten auf die Insel La Gomera, im äußersten Westen Europas schickt. Cristi Anghelache kommt aus Rumänien, um El Silbo zu lernen. Er bringt eine Erinnerung an eine schöne Frau namens Gilda mit, die ihn nun auf der Insel erwartet. Und er bringt zwei Vokale und zwei Konsonanten mit, die nur seine Sprache, das Rumänische, aufzuweisen hat. Wie kommt El Silbo damit zurecht?

          In einer Schlüsselszene von „La Gomera“ sieht man die imposante Gebirgslandschaft von La Gomera. Ein Bild menschenleerer Natur, belebt nur von Pfiffen. Rumänisch, Spanisch, Silbo. Es ist eine Generalprobe für einen Coup, dem der Silbo in Bukarest dienen soll. Cristi soll mit Hilfe der Pfeifsprache einen Verbrecher aus einem Gefängnis befreien helfen. Dazu gäbe es in anderen Ländern vermutlich auch andere Möglichkeiten, aber das Rumänien, von dem Corneliu Porumboiu erzählt, wird lückenlos überwacht. Es ist geradezu bizarr, in welchem Ausmaß hier Kameras und Mikrofone alles mitschneiden. In Cristis Wohnung gibt es keinen Winkel, der nicht erfasst würde, sodass Gilda, die sich mit Cristi an einem sicheren Ort treffen möchte, keine andere Möglichkeit sieht, als mit ihm ins Bett zu gehen. Ihr Körper ist Ablenkung genug, dass sie Cristi dann – post coitum – unbemerkt das Flugticket nach Gomera zustecken kann.

          Als er auf der Insel ankommt, macht sie ihm das auch gleich klar, dass er sich keine Hoffnungen machen soll: „Was ich getan habe, habe ich nur wegen der Kameras getan.“ Trotzdem ahnt man als geübter Zuschauer natürlich sofort, dass sich zwischen Gilda und Cristi auch etwas anbahnen könnte, was sich der Überwachung entzieht, und was sich der anderen Kamera offenbaren könnte, der von Corneliu Porumboiu, der Kamera des Kinos, die anderen Gesetzen gehorcht als das im Grunde triviale Regime einer unerbittlichen Kontrolle, von dem „La Gomera“ erzählt. Cristi, gespielt von dem längst über die nationalen Grenzen hinaus bekannten Vlad Ivanov, ist ein Held, wie man ihn aus dem klassischen Kino kennt, eine zwiespältige, faszinierende, tendenziell passive Figur, die dann aber in den entscheidenden Momenten handelt. Bei Gilda (Catrinel Marlon) deutet schon der Name darauf hin, dass sie eine Femme Fatale ist. Man sieht es aber auch sofort. Cristi und Gilda sind füreinander bestimmt. Bleibt nur herauszufinden, worin diese Bestimmung liegt.

          Überwachung ist überall, mit gutem Grund

          Für das Ausmaß der Überwachung gibt es in Rumänien durchaus gute Gründe. Korruption ist allgegenwärtig, schwarzes Geld kursiert in großen Mengen, in „La Gomera“ ist von dreißig Millionen Euro die Rede, die ein Matratzenfabrikant in Matratzen versteckt haben soll, um sie der venezolanischen Mafia entweder zuzustellen oder aber zu entwenden – dieses Entweder-oder entspricht einer der vielen Spannungsebenen des Films. Man sollte aber nicht meinen, dass Porumboiu an diesen Aspekten der Geschichte wirklich gelegen ist. Er wickelt den Plot eher ab wie einen Faden, an dem er seine Interessen anbringen kann, die sich auf Grundsätzliches beziehen: auf die Frage nämlich: Wie könnte das Kino mit den gesellschaftlichen Problemen umgehen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mobbing: 95 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen besitzen ein Smartphone. 
Leider nutzen Kinder die Geräte auch, um Angst und Hass zu verbreiten, wie auf dem Foto zu sehen ist. Der Studie „Cyberlife III“ zufolge können die Folgen fatal sein: Jedes vierte digitale Mobbingopfer hatte Suizidgedanken, jedes fünfte trank Alkohol, jedes dritte Opfer fühlte sich dauerhaft belastet.

          Cybermobbing : Wenn das eigene Kind per Whatsapp bedroht wird

          „Du kleine Schlampe“: Wenn das eigene Kind per Whatsapp übel beleidigt und mit Gewalt bedroht wird, ist eine Grenze überschritten. Was passiert, wenn man dagegen juristisch vorgeht? Ein Erfahrungsbericht.
          Szenenbild aus dem Teaser: Steffen Menneke spielt den Attentäter.

          Attentat von Hanau : Dürfen Filme wirklich alles?

          Der Regisseur Uwe Boll, eher berüchtigt als berühmt, hat einen Film über den Massenmörder von Hanau inszeniert. Angehörige sind empört, die Obrigkeit protestiert. Aber keiner hat das Werk gesehen.

          Kampf gegen Schwarzarbeit : Unterwegs mit dem Zoll

          Auf der Suche nach illegal Beschäftigten: Zollbeamte überprüfen Baustellen, um zu klären, ob die Arbeiter regulär bezahlt werden. Das dient auch dem Wettbewerb.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.