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Neuer Film von Doris Dörrie : Eine Familienaufstellung für ganz Deutschland

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Was heißt „Brotzeit“ auf japanisch? Karl (Golo Euler, links) und Yu (Aya Irizuki) werden es schon rauskriegen. Bild: Constantin

Die Filmregisseurin Doris Dörrie hält die spirituelle Verbindung zwischen Deutschland und Japan weiter aufrecht. In ihrem neuen Film „Kirschblüten & Dämonen“ prüfen dämonische Ahnen ihre Nachfahren.

          Ein „rotes Telefon“ verband einst die freie Welt mit dem Kreml hinter dem Eisernen Vorhang. Es war die Leitung der letzten Hoffnung – dahinter gab es nur noch den Knopf, mit dem die Apokalypse auf den Weg interkontinentaler Raketen gebracht werden sollte. Keine Frage, dass das alles Ideen und Strategien von alten, weißen Männern waren. Irgendwie hat die Welt diese Zeit überlebt, die Waffen starren zwar noch immer, das rote Telefon aber ist nicht mehr in Betrieb.

          Doris Dörrie hat andere Anliegen, als sich um derlei Zeug zu kümmern. Aber es liegt nahe, ihre Erfindung eines rosa Telefons auch auf weltpolitische Konstellationen zu beziehen, die man als beängstigend begreifen könnte. Überall Aufrüstung, rhetorisch, technologisch, kapitalistisch – es wird Zeit, dass da jemand eine neue Richtung weist. Doris Dörrie hat diese Richtung eindeutig gefunden: ihr rosa Telefon hat eine Schnur von Bayern zum Fuji-San, es verbindet Deutschland und Japan, zwei alte Hochkulturen, die viel zu wenig voneinander wissen. Im Grunde ist Doris Dörrie seit vielen Jahren die einsame Telefonistin, die in der Stöpselzentrale der Globalisierung darauf achtet, dass das Land der aufgehenden Sonne und das Land der untergehenden Spiritualität in Kontakt bleiben.

          1999 stand ihre Begeisterung noch im Zeichen der (Selbst-)Ironie, als sie zwei deutsche Männer in „Erleuchtung garantiert“ in ein Zen-Kloster steckte. 2008 gab es in „Kirschblüten – Hanami“ dann schon das rosa Telefon. Und nun hat Dörrie dazu eine Fortsetzung gemacht, die auch eine Art Rückruf ist: „Kirschblüten & Dämonen“ läutet es der Einfachheit halber gleich an einer Tür. Dahinter wohnt ein Mann namens Karl (Golo Euler). Er steckt in ernsten Schwierigkeiten. Zum Geburtstag seiner Tochter kam er im Kostüm eines Pandabären, und mit einer schweren Fahne. Nun steht eine japanische Frau vor ihm.

          Faszination für östliche Weisheit

          Sie stellt sich als Yu vor, was Karl eigentlich aufhorchen lassen müsste: „I am Yu.“ Vor zehn Jahren hatte diese schrullige Person den Vater von Karl zum Berg Fuji begleitet – Rudi Angermeiers Tanz im Kimono in „Kirschblüten – Hanami“ war ein später Höhepunkt deutscher Faszination für östliche Weisheit, und zugleich ein programmatisch subversiver Moment von einer Filmemacherin, deren Karriere 1985 mit einem Filmtitel begann, der zugleich ein Ausruf war: „Männer“. Karl Angermeier ist auch ein Mann, er wird nun aber von Yu an die Strippe genommen. 2008 war er auch in Tokio, damals noch von Maximilian Brückner gespielt. Karl war Banker, inzwischen hat er erkannt, dass mit seinem Leben etwas ganz grundsätzlich nicht in Ordnung ist. Yu bringt ihn dazu, in das verlassene Haus der Eltern zu fahren, und dort wieder Quartier zu nehmen.

          Und dann dürfen sie der Reihe nach alle auftauchen, die Geister. Doris Dörrie begreift ihren neuen Film als eine Familienaufstellung, mit der sich ganz Deutschland gemeint fühlen darf. Die Angermeiers, zwei Generationen von Bayern im Zeichen nackter, mühsam verhohlener Angst, treffen hier auf ihre dritte Generation. Man muss kein historischer Rechenkünstler sein, um zu ermessen, dass das zu einer NS-Uniform führt. Dörrie erzählt in „Kirschblüten & Dämonen“ von Konditionierungen in der gar nicht guten Stube eines Bauernhofs in einer traumhaften Landschaft, und sie macht deutlich, dass der Finanzyuppie, der über die Glaspaläste von Tokio einen Umweg in eine vollkommen verkrachte Existenz genommen hat, immer noch ein Kind des autoritären Charakters ist.

          Man kann sich von diesem Erbe nicht lossaufen, schon gar nicht, wenn man ein Kind hat. Die Perchten, die auf dem bayerischen Land ihr Unwesen treiben, können Karl als ein Selbstbild dienen. Sie werden ihm aber auch zum Schlüssel für die Begegnung mit Yu und mit den Dämonen, die man hier mit einem Wort belegen könnte, das in der deutschen Sprache fast in Vergessenheit geraten ist: die Dämonen sind die Ahnen. In den Geschwistern sieht Karl einen Widerschein seiner unheimlichen Ahnenreihe, und Doris Dörrie nimmt sich ein wenig Freiheit für Gegenwartssatire: ein umtriebiger Vertreter einer populistischen Partei hat als Sohn einen Stubenhocker, der stark an das japanische Phänomen der „Hikikomori“ erinnert (allerdings tragen die selten ein Hakenkreuz auf der Stirn). Karl bleibt nur der Weg, den Yu ihm weist, den er sich also selbst weisen muss, radikaler als bloße Japan-Folklore und Kirschblütensentimentalitä.

          Im Zentrum von Doris Dörries Interesse an den Traditionen des Butoh-Tanzes und des japanischen Geisterglaubens steht eine Sehnsucht nach Erlösung von der Geschlechterdifferenz. Das geht deutlich darüber hinaus, was man in Japan als einem Reich der Zeichen gemeinhin zu finden meint: Harmonie, Natur, Einklang mit Atem und Elementen, und Teezeremonien. Rudi und Karl Angermeier gehen weiter. Sie machen entscheidende Schritte auf dem Weg aus einer männlich dominierten Gesellschaft. In „Männer“ hat Dörrie noch geglaubt, es reiche, wenn man sich über die Männer lustig macht, sie würden dann schon darauf achten, weniger lächerlich zu sein. Das hat nicht geklappt. Lächerlichkeit ist heute kein Machthindernis mehr, fast schon könnte man meinen: im Gegenteil. Eine neue Kultur müsste im Zeichen eines dritten Geschlechts stehen, das schließlich sogar noch die Fesseln der rosa Telefonstrippe abstreift und meerjungfräulich ganz von vorn anfängt. Wem dieser Mythos zu steil ist, muss nicht gleich mit dem Kimono in den Kleiderschrank fallen, sondern kann mit einer Tasse Tee beginnen.

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