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Kinofilm „Gloria“ : Ein großes Solo muss nicht einsam sein

  • -Aktualisiert am

Virtuos im Ausdrücken von Gefühlen: Julianne Moore. Bild: Square One Entertainment

Julianne Moore hat diese Rolle gewollt, ihre bedeutendste wurde daraus aber nicht. In dem Kinofilm „Gloria“ spielt sie eine Frau, die versucht, der Einsamkeit zu entkommen – vergebens.

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          Im Jahr 1971 hatte Gilbert O’Sullivan einen Hit mit dem Titel „Alone Again“. Die Pointe liegt in dem Wort, das auf den Titel folgt: „naturally“. Nach einer Beziehung ist man wieder allein, und zwar „natürlicherweise“. Heute läuft dieser Song vor allem auf Radiostationen, die sich an Menschen in der zweiten Lebenshälfte wenden; Menschen wie Gloria Bell, eine weiße Amerikanerin, die in Los Angeles für eine Versicherungsfirma arbeitet. Sie ist seit zwölf Jahren geschieden, hat zwei Kinder und ein Enkelkind, und sie tanzt gern.

          Dass sie allein ist, erscheint tatsächlich beinahe natürlich, denn jenseits der Fünfzig hat sich schon so viel Leben angesammelt, dass man nicht leicht jemand in dieses Leben hineinlässt. Eine hässliche, zugelaufene Katze hat da schon eher eine Chance. Der Name der Frau ist auch der Titel des Films, mit dem der Chilene Sebastián Lelio von ihr erzählt: „Gloria Bell“ in der amerikanischen Originalfassung, oder einfach „Gloria“ in den deutschen Kinos. So hieß schon 2013 die chilenische Version.

          Zuerst einmal ist „Gloria“ ein großes Solo für Julianne Moore. Sie ist auch als Executive Producer beteiligt, ganz offensichtlich lag ihr viel an dieser Rolle. Sie ist auch fast in jedem Bild, nicht selten allein mit sich und einem Telefon, und manchmal einfach in einer Großaufnahme, in der sie jemand einen Blick hinterherschickt. Zum Beispiel auf einem Flughafen der Tochter von Gloria. Da entgleist das Gesicht ganz dramatisch, plötzlich ist diese meist so gefasste und einfach schöne Frau für ein paar Sekunden ein Wrack. Und eine (fast schon zu) virtuose Gefühlsausdrückerin.

          Gloria lebt ein typisches Leben der Mittelklasse. Sie ist beruflich flexibel, auch daheim hat sie den Laptop offen. Auf dem Weg zur Arbeit singt sie sich durch das ganze Phrasenrepertoire, das die Popmusik anzubieten hat: „No More Lonely Nights“ (Paul McCartney), „Love Is in the Air“ (John Paul Young), „Total Eclipse of the Heart“ (Bonnie Tyler). Es wirkt ein wenig, als hätte Sebastián Lelio bei seiner zweiten amerikanischen Produktion (nach „Disobedience“, 2017) begeistert in den Rechtekatalogen geblättert und auf all das gezeigt, was auf einer „Lonely Hearts Party“ gut ankommt.

          Allerdings sind da noch die Altlasten

          Die Sache mit der Musik ist wichtig, denn in der chilenischen Vorlage traf Gloria (gespielt von Paulina Garcia) ihre Liebhaber und Kandidaten in Tanzclubs, in denen die Begegnungen deutlich ritualisierter ablaufen als in der informellen und auch schummrigeren Atmosphäre einer Bar in Los Angeles. Und auch die Auswahl der Nummern ist bedeutsam: Das grandiose „I Feel Love“ von Donna Summer taucht als rarer englischsprachiger Titel in einer dezidiert hispanischen Musikauswahl auf. Schon allein der Soundtrack macht sehr deutlich, worin die Vor- und Nachteile eines amerikanischen Remakes liegen: Der neuere Film lässt sich leichter mitsingen, aber er hat nicht unbedingt mehr zu sagen. Die Titelnummer ist in beiden Fällen gleich: Von Umberto Tozzis „Gloria“ mit seinem schmetternden Duktus hatte man sich vielleicht noch nie so richtig klargemacht, dass es darin eigentlich um ein Krisenprotokoll geht, um eine Frau in Schwierigkeiten. Julianne Moore macht aus Gloria Bell eine spannende Kippfigur: sie schillert zwischen Individuum und Typus, zwischen filmhistorischen Erinnerungen an große Schmerzensgesichter aus den „women’s pictures“ und tapferer Pragmatik. Wenn Moore in einem Hotel in Las Vegas an die Rezeption kommt und fragt, ob sie eine Nummer in Los Angeles anrufen könnte (es ist ein Anruf, mit dem sie die Waffen streckt), dann sieht man, warum diese Schauspielerin diese Rolle wollte, und wo sie ihr Können wirklich unterbringt: in der Spannung, die sie aus den Demütigungen gewinnt.

          Es gibt „natürlich“ Männer in „Gloria“, manche tragen einen Namen, einige haben sogar eine Geschichte. Der wichtigste von ihnen trägt den Namen Arnold. John Turturro spielt einen Mann, von dem wir glauben sollen, dass er vor kurzem noch fett war; die Operation zur Magenverkleinerung hängt Arnold immer noch nach. Schon das erste Gespräch zwischen den beiden verläuft schleppend. Gloria muss im Grunde die Konversation machen.

          Immerhin beginnt an diesem Abend etwas. Allerdings sind da noch die Altlasten. Arnold trägt sie mit seinem Telefon herum. Er hat eine Exfrau und zwei Töchter, die so oft anrufen, dass es schnell zu einem Verdachtsmoment wird, warum er sich nicht einfach ab und zu für unerreichbar erklärt. Arnold betreibt einen Paintball-Park, in dem Leute Krieg spielen. Die einschlägige Waffe nützt Sebastián Lelio für die stärkste Szene des Films, in der nebenbei auch das Geheimnis um Arnolds Familie eine fast schon groteske Auflösung findet.

          „Gloria“ ist ein schönes Beispiel für die Logiken der medialen Weltgesellschaft. Das chilenische Original ist in jeder Hinsicht interessanter, spezifischer, man lernt Menschen kennen, von denen man sonst wenig wüsste. Die amerikanische Version ist hingegen eher eine Wiederbegegnung mit einer Frau, die ein globales Image hat und die es hier im Wesentlichen bekräftigt. Wer wirklich wissen will, wofür Julianne Moore als Schauspielerin steht, ist nach wie vor mit „The Kids are Alright“ (2010) von Lisa Cholodenko besser beraten. Lelio hat aus unerfindlichen Gründen in Los Angeles gedreht, und nicht an der Ostküste. Er wollte wohl ein wenig weg von den Klischees der extrem individualisierten Welt in New York, sein Blick auf Kalifornien ergibt aber bezeichnenderweise etwas, was der Anthropologe Marc Augé einen „Nicht-Ort“ genannt hat. Dort kann man „natürlicherweise“ nicht einmal so richtig allein sein.

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