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Dokumentation „Eva Hesse“ : Endlich ein gelungener Künstlerinnenfilm

  • -Aktualisiert am

Eva Hesse im Film Bild: Real Fiction

Endlich eine gelungene Künstlerdokumentation: Marcie Begleiters Film über die früh in New York verstorbene Eva Hesse reißt wegen der Dichte des Materials mit.

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          Dokumentarfilme über Künstler sind oft so schwer zu ertragen, weil sie die Grundregeln des Erzählens sorglos über Bord werfen. Die Formel lautet häufig etwa so: Die Werke? Großartig! Die Künstlerpersönlichkeit? Magisch! Die Sammler? Hinreißend! Die Galeristen? Unerschütterlich! Die Museumswelt? Fabelhaft!

          Mit so einer Geschichte, wäre sie erfunden, käme niemand irgendwo durch, und das große Geheimnis besteht darin, warum sich plötzlich alles ändern soll, wenn es um einen Künstler geht, den es wirklich gegeben hat. In diesem Fall ist das Claquersgehabe noch viel ärgerlicher: Denn die faszinierende Geschichte über das phantastische Werk des herausragenden Malers ist nicht nur vorhersehbarer langweiliger Kram, sondern noch dazu wahrscheinlich unwahr.

          Nun hat die Regisseurin Marcie Begleiter einen Dokumentarfilm über die 1936 in Hamburg geborene Künstlerin Eva Hesse gedreht, die bereits im Alter von vierunddreißig Jahren in New York starb, und es nicht so, als ob sich in diese Erzählung gar keine Stereotypen eingeschlichen hätten. Ist es zum Beispiel eine gute Idee, die Tagebucheinträge von Eva Hesse mit einer treuherzigen Mädchenstimme aus dem Off vorlesen zu lassen? Eher nicht. Und hätte es sich nicht gelohnt, bei manchen Aussagen von Zeitzeugen nachzuhaken? Schon. Zum Beispiel, wenn rückblickend die Künstlerkollegen von Hesse so gelassen berichten, dass es für Frauen früher so viel schwerer gewesen sei. Zu demselben Schluss kamen auch die Interviewpartner der Journalistin Verena Berger, die kürzlich ein sehr lesenswertes Buch über Hanne Darboven publiziert hat, eine Künstlerin, die ebenfalls in den sechziger Jahren zum Kreis der Minimalisten in New York gehörte. Fällt das Eingeständnis, dass die Kunstwelt häufig mehr Wert auf Biographien als auf Werke legt, dann leicht, wenn die betroffenen Künstlerinnen nicht mehr da sind?

          Überzeugende Recherche und starke Kunst

          „Eva Hesse“ ist trotzdem ein guter, an einigen Stellen geradezu mitreißender Dokumentarfilm geworden. Das liegt zum einen an der beeindruckenden Dichte des recherchierten Materials. Von Hesses Kindheit bis zu den letzten traurigen Wochen ihrer Krankheit, an der sie 1970 nach einer Operation starb, sind Aufnahmen überliefert: angefangen von dem Fotoalbum, das der Vater, ein Hamburger Anwalt, noch auf Deutsch anlegte. Im Dezember 1938, nach den Novemberpogromen, flohen Eva und ihre ältere Schwester aus dem nationalsozialistischen Deutschland mit einem Kindertransport nach Den Haag. Den Eltern gelang es einige Wochen später zu entkommen, im Juni emigrierte die Familie nach New York; die Mutter nahm sich 1946 das Leben. Erst Jahrzehnte später, nach dem Kunststudium in Yale als Meisterschülerin von Josef Albers, kehrte Hesse nach Deutschland zurück – nach Kettwig an der Ruhr. Hesses Ehemann, der Bildhauer Tom Doyle, war dorthin von einem deutschen Sammler eingeladen worden. Auch in Kettwig hat Begleiter Filmmaterial mit Hesse aufgetan, Szenen am Pool oder eine Eröffnungsfeier. Eva Hesses beeindruckende Schwester kommt außerdem in ausführlichen Beiträgen zu Wort.

          Die Stärke des Films speist sich natürlich auch aus Eva Hesses Kunst, die Begleiter begeistert. Mit Neugierde versucht sie, der Frage auf den Grund zu gehen, wie die Künstlerin ihre ebenso eigenständige wie merkwürdige Formensprache entwickelte. Im Zeitraffer durchlief Hesse ihre künstlerische Entwicklung, die mit dem abstrakten Expressionismus begann, sie dann zu einer Art Surrealismus brachte und schließlich zu einer Vertreterin des Minimalismus werden ließ. Ihre frühen New Yorker Ausstellungen können ebenso mit Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren dokumentiert werden wie später die großen Retrospektiven, zuletzt in der Hamburger Kunsthalle.

          Zu den Höhepunkten des Films zählt einer der selten gewordenen Auftritte der Kunstkritikerin Lucy Lippard, die in den sechziger Jahren auch Hesses Werdegang schreibend begleitete. Und wem Sol LeWitts Werk manchmal zu trocken ist, der kann ihn in diesem Film als einen überraschend lustigen, liebevollen und großzügigen Postkartenschreiber entdecken. Vieles von dem, was er seiner Künstlerfreundin Eva Hesse riet, taugt auch für andere Lebenslagen: „DO IT!“.

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