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„Der Fall Richard Jewell“ : Mehr Angst vor Staat als vor Terror

Justiz und Presse ist nicht zu trauen: Kathy Bates als Jewells Mutter. Bild: Warner Bros. Entertainment

Misstrauenserklärung gegen die politische Klasse: Clint Eastwood zeigt mit seinem Film „Der Fall Richard Jewell“, was einen Altmeister ausmacht.

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          In zwei Monaten wird Clint Eastwood neunzig Jahre alt, und als Filmregisseur erlebt er gerade seinen schätzungsweise zehnten Frühling. Der bislang letzte lag dabei schon ein Dutzend Jahre zurück: Damals kam „Gran Torino“ heraus, ein ebenso bewegendes wie überraschendes Werk, weil der bärbeißige Law-&-Order-Propagandist Eastwood, der in diesem Film einmal mehr selbst die Hauptrolle spielte, sich auf die Seite asiatischer Einwanderer stellte und damit die beste, nämlich zivilisierende Seite des American Dream verkörperte. Danach folgten in einem Jahrzehnt acht weitere Spielfilme, die aber größtenteils nur wieder dem Klischee eines Stockkonservativen entsprachen: politisch wie ästhetisch. Doch nun kommt „Der Fall Richard Jewell“ in die deutschen Kinos – oder besser: sollte kommen, denn leider wird er wohl größtenteils den erzwungenen Schließungen der Filmtheater zum Opfer fallen. Das ist ein Jammer, denn hier hat Eastwood den jungen Kollegen noch einmal gezeigt, was einen Altmeister ausmacht: dass dessen Themen und Stil zeitlos sind.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Obwohl die auf einem realen Fall basierende Handlung 1996 spielt, sind die darin behandelten Strukturen von publizistischem und politischem Versagen denkbar heutig: Der Enthüllungs- und damit auch Panikmacherwettlauf durch konkurrierende Medien hat im Netzzeitalter ganz andere Dimensionen angenommen als im noch lediglich fernseh- und zeitungshörigen ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, und die Wechselwirkung dieses Skandalisierungsdrucks mit der Inszenierung von Politik ist in der Ära von Donald Trump größer als je zuvor. Eastwood, bekennender Republikaner über Jahrzehnte, der Barack Obamas Präsidentschaft noch kräftig kritisiert hatte, setzt in seinem jüngsten Film konsequent fort, was er an amerikanischen Heldengeschichten erzählt hat, und seine politische Institutionenkritik gilt diesmal einem Präsidenten, der das Sündenbockprinzip zum zentralen Element seines Handelns macht. Mehrfach taucht in „Der Fall Richard Jewell“ im Hintergrund ein Plakat auf, das als Botschaft verkündet: „The government scares me more than terrorists.“

          Der Held steht als Schuldiger da

          Diese Misstrauenserklärung gegen die politische Klasse hängt im Büro des eher erfolglosen Anwalts Watson Bryant – eine Rolle, die Sam Rockwell mit derart sardonischem Vergnügen spielt, dass sie sogar dessen Darstellung eines zynischen Jungvolk-Ausbilders in der kürzlich angelaufenen amerikanischen Nazi-Satire „Jojo Rabbit“ in den Schatten stellt. Bryant sieht sich in seiner Staatsskepsis nur zu bestätigt, als er den Anruf eines Wachmanns bekommt, dem zur Last gelegt wird, eine von ihm entdeckte Bombe auf einem Freiluftkonzert selbst gelegt zu haben. Dieser Wachmann ist Richard Jewell, und durch die rechtzeitige Räumung des Konzertgeländes rettete er zahllosen Menschen das Leben. Aber ein rachsüchtiger früherer Arbeitgeber, ein skrupelloser FBI-Agent und eine karrieresüchtige Zeitungsjournalistin sorgen dafür, dass der zunächst als Held gefeierte Jewell plötzlich für alle als Schuldiger dasteht.

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