https://www.faz.net/-gqz-9nqv1

„Burning“ im Kino : Existenzialismus für Hochstapler

  • -Aktualisiert am

Jeon Jong-seo spielt die junge Frau Hae-mi, die aus ihrer Wohnung heraus einmal am Tag ein Stück Himmel sehen kann. Bild: EPA

Wenn die Welt im Konsumwahn versinkt, wovon kann man noch träumen? Der Film „Burning“ verlegt eine Kurzgeschichte von Murakami nach Korea.

          Die Wohnung von Hae-mi (Jeon Jong-seo) ist winzig, aber sie hat einen Vorteil: man kann den Fernsehturm von Seoul sehen, wenn man aus dem Fenster blickt. Ein bisschen Orientierung kann nicht schaden, denn Hae-mi ist eigentlich ziemlich verpeilt. Es herrscht auch ein gehöriges Chaos in der Wohnung, findet Jong-su (Yoo Ah-in). Er hat das Mädchen, das in seiner Kindheit einmal in der Nachbarschaft gelebt hat, in einer Shopping-Meile wiedergetroffen. Sie hielt dort Plakate hoch, als ein Promotion-Girl in koketter Uniform, das mit gelegentlichen Tanzschritten die Laufkundschaft zum Eintritt in einen Laden bewegen soll.

          Jong-su ist keiner, der in so einem Fall die Initiative ergreift. Er lässt sich von Hae-mi einwickeln. Bald ist er bei ihr in der Wohnung, sie schlafen einmal miteinander, dann macht die junge Frau einen bemerkenswerten Abgang: Sie behauptet, sie hätte ein wenig Geld gespart, damit kann sie endlich eine Reise machen, von der sie schon lange geträumt hat. Hae-mi fährt nach Afrika, in die Kalahari, und nun steht Jong-su in einer Wohnung, die ihm fremd ist. Er soll eine Katze füttern, von der keineswegs gewiss ist, dass es sie gibt. Das Fenster zum Turm ist für Jong-su auch das Fenster zu seinem Begehren: er steht davor und masturbiert.

          Mandarinenschälen kann sehr spannend sein

          Der Film „Burning“ des koreanischen Meisters Lee Chang-dong beruht auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami. „Scheunenabbrennen“ ist Teil der Sammlung „Der Elefant verschwindet“, und man kann die paar Seiten, die der Text lang ist, als schönes Beispiel für die Eigenheiten von Murakamis Erzählen nehmen. Er findet wohl auch deswegen so viele Leser, weil er es perfekt versteht, einen Sog zu erzeugen. Seine Schilderungen sind auf eine spannende Weise vage. Man erfährt von Hae-mi kaum etwas Wesentliches, es gibt dann aber markante Details wie das „Mandarinenschälen“, ein pantomimisches Kunststück, bei dem unsichtbare Früchte geschält werden. Während sie mit Jong-su spricht, „schält“ sie eine Mandarine nach der anderen, und er fühlt sich, „als würde mir jeglicher Realitätssinn entzogen. Ein äußerst seltsames Gefühl“.

          Dieses Gefühl ist so etwas wieder Grundzustand, in den man beim Lesen von Murakami gerät. Und Lee Chang-dong versteht es sehr gut, aus einer kurzen Geschichte einen zweieinhalbstündigen Film zu machen, der auf eine unauffällige Weise die ganze Zeit höchst fesselnd ist.

          Er muss dazu natürlich so Manches hinzuerfinden. „Burning“ ist auch höchst interessant als Beispiel für eine Literaturadaption, die vieles konkret macht, was der Autor bewusst allenfalls angedeutet hat. Und doch bleibt der Grundton bei Lee Chang-dong der gleiche: Es ist, als gäbe es keinen richtigen Boden unter den Füßen, als wären alle Figuren so etwas wie existenzielle Hochstapler, die sich mit Behauptungen wie einer Beziehung zu einem fiktiven Haustier in der Wirklichkeit zu verankern versuchten. Mit der Figur von Jong-su macht Lee Chang-dong dabei am meisten, aus naheliegenden Gründen. Denn er ist unsere Gewährsperson in der Geschichte. Wir sehen das, was er sieht, und rätseln über das, was er nicht versteht.

          Bei Murakami ist Jong-su ganz einfach ein junger Schriftsteller. In „Burning“ ist er ein junger Schriftsteller, der in einem Dorf außerhalb von Seoul eine Landwirtschaft versorgt, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Der Vater ist ein schwieriger Typ, er steht wegen einer Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt vor Gericht, und der introvertierte Jong-su muss nun den Mist aus dem Stall bringen und andere Dinge, bei denen er sich nicht gern von einem Mädchen beobachten lassen will.

          Hae-mi ist bald aus der Kalahari wieder da. Sie bittet Jong-su sogar, sie vom Flughafen abzuholen. Dabei kommt sie doch in Begleitung. Sie hat in Afrika einen Mann kennengelernt, der das Gegenteil von Jong- su ist: Ben fährt Porsche, er lebt in einer mondänen Wohnung, und zu seinen Abendgesellschaften kommen schöne, junge Menschen. Bei Murakami heißt es über Bens Auto, es wäre „ein Wagen wie aus einem Schwarzweißfilm von Federico Fellini“. Das ist eine Stelle, an der deutlich wird, dass die Literatur sich hier mit einer schönen Assoziation behelfen kann, während der Film konkret werden muss.

          Jazz, Gras und Träume

          Lee Chang-dong wählte für die Rolle des Ben einen internationalen Star. Steven Yeun ist vor allem aus der Serie „The Walking Dead“ bekannt; er vertritt nun auch in „Burning“ einen Aspekt von Internationalität, jedenfalls im Vergleich zu dem deutlich an seine Herkunft gebundenen Jong-su. Dessen Darsteller Ah-in Yoo ist auch in seiner Popularität deutlich spezifischer auf die koreanische Kultur bezogen, und wächst hier aus deren teilweise höchst diffizilen Codes heraus.

          Die Erzählung von Haruki Murakami gibt für „Burning“ im Grunde nicht viel mehr als ein Gerüst ab, an das Lee Chang-dong dann eine Menge guter Ideen anbringt. Er verortet die Geschichte auch deutlicher im heutigen Korea, während der japanische Weltliteraturstar ja oft eine eigentümliche Zwischenwelt entwirft, die irgendwo zwischen der globalen Popkultur und der Kultur seines Herkunftslands zu schweben scheinen. In einem der schönsten Momente von „Burning“ kommen Ben und Hae-mi überraschend zu Jong-su nach Hause. Für die „geschichtslose“ Hae-mi ist es eine Fahrt in eine Vergangenheit, die an Identifikation nicht viel hergibt. Ben hat Gras mitgebracht, die Abendsonne verstärkt die Benommenheit durch die Droge, dazu kommt – auch das ein Markenzeichen von Murakami – ein Jazzstück. Hae-mi tanzt im Gegenlicht, und ganz allmählich kippt die Stimmung. Die Szene könnte auch kitschig wirken, doch zu diesem Zeitpunkt hat „Burning“ die Geheimnisse der Figuren schon so magisch miteinander verwoben, dass man nun unbedingt wissen will, wie sich die Geschichte zu Ende bringen lässt, ohne alles einer schlechten Auflösung zuzuführen.

          In der Erzählung ist es das rätselhafte Titelmotiv, an dem alles hängt: Brennende Scheunen. Dahinter verbirgt sich ein Nihilismus, den der allzu selbstgewisse Ben leichthin vertritt. Man spürt im Film deutlicher als in der Erzählung auch die Grenzen des Erzählers Haruki Murakami: Ben ist eine Figur wie von Dostojewski, aber eben deutlich nicht von Dostojewski, sondern eine vage Skizze der existenziellen Tiefen, die der Russe auch tatsächlich erreicht. Lee Chang-dong hat da vielleicht ein Motiv von Frivolität erkannt, das er buchstäblich geerdet hat. Die Scheunen sind bei ihm Gewächshäuser an den agrarischen Rändern von Seoul. Sie sind konkret, kein Sprachbild, keine mysteriöse Metapher. Wo Murakami mit der Sprache zündelt, sucht „Burning“ nach den Stellen, an denen die Existenz wirklich brennbar ist, und findet sie.

          Topmeldungen

          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregeltem Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Mit virtueller Realität direkt ins Herz der Immigranten – Iñárritus Sechseinhalb-Minuten-Installation in Cannes.

          Künstliches Herz : Organ aus dem 3-D-Drucker

          Forscher konstruieren eine künstliche Herzkammer und Muskelzellen, die synchron schlagen. Noch fehlt Entscheidendes, damit Ersatzorgane aus dem 3-D-Drucker entstehen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.