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„Burning“ im Kino : Existenzialismus für Hochstapler

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Jeon Jong-seo spielt die junge Frau Hae-mi, die aus ihrer Wohnung heraus einmal am Tag ein Stück Himmel sehen kann. Bild: EPA

Wenn die Welt im Konsumwahn versinkt, wovon kann man noch träumen? Der Film „Burning“ verlegt eine Kurzgeschichte von Murakami nach Korea.

          Die Wohnung von Hae-mi (Jeon Jong-seo) ist winzig, aber sie hat einen Vorteil: man kann den Fernsehturm von Seoul sehen, wenn man aus dem Fenster blickt. Ein bisschen Orientierung kann nicht schaden, denn Hae-mi ist eigentlich ziemlich verpeilt. Es herrscht auch ein gehöriges Chaos in der Wohnung, findet Jong-su (Yoo Ah-in). Er hat das Mädchen, das in seiner Kindheit einmal in der Nachbarschaft gelebt hat, in einer Shopping-Meile wiedergetroffen. Sie hielt dort Plakate hoch, als ein Promotion-Girl in koketter Uniform, das mit gelegentlichen Tanzschritten die Laufkundschaft zum Eintritt in einen Laden bewegen soll.

          Jong-su ist keiner, der in so einem Fall die Initiative ergreift. Er lässt sich von Hae-mi einwickeln. Bald ist er bei ihr in der Wohnung, sie schlafen einmal miteinander, dann macht die junge Frau einen bemerkenswerten Abgang: Sie behauptet, sie hätte ein wenig Geld gespart, damit kann sie endlich eine Reise machen, von der sie schon lange geträumt hat. Hae-mi fährt nach Afrika, in die Kalahari, und nun steht Jong-su in einer Wohnung, die ihm fremd ist. Er soll eine Katze füttern, von der keineswegs gewiss ist, dass es sie gibt. Das Fenster zum Turm ist für Jong-su auch das Fenster zu seinem Begehren: er steht davor und masturbiert.

          Mandarinenschälen kann sehr spannend sein

          Der Film „Burning“ des koreanischen Meisters Lee Chang-dong beruht auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami. „Scheunenabbrennen“ ist Teil der Sammlung „Der Elefant verschwindet“, und man kann die paar Seiten, die der Text lang ist, als schönes Beispiel für die Eigenheiten von Murakamis Erzählen nehmen. Er findet wohl auch deswegen so viele Leser, weil er es perfekt versteht, einen Sog zu erzeugen. Seine Schilderungen sind auf eine spannende Weise vage. Man erfährt von Hae-mi kaum etwas Wesentliches, es gibt dann aber markante Details wie das „Mandarinenschälen“, ein pantomimisches Kunststück, bei dem unsichtbare Früchte geschält werden. Während sie mit Jong-su spricht, „schält“ sie eine Mandarine nach der anderen, und er fühlt sich, „als würde mir jeglicher Realitätssinn entzogen. Ein äußerst seltsames Gefühl“.

          Dieses Gefühl ist so etwas wieder Grundzustand, in den man beim Lesen von Murakami gerät. Und Lee Chang-dong versteht es sehr gut, aus einer kurzen Geschichte einen zweieinhalbstündigen Film zu machen, der auf eine unauffällige Weise die ganze Zeit höchst fesselnd ist.

          Er muss dazu natürlich so Manches hinzuerfinden. „Burning“ ist auch höchst interessant als Beispiel für eine Literaturadaption, die vieles konkret macht, was der Autor bewusst allenfalls angedeutet hat. Und doch bleibt der Grundton bei Lee Chang-dong der gleiche: Es ist, als gäbe es keinen richtigen Boden unter den Füßen, als wären alle Figuren so etwas wie existenzielle Hochstapler, die sich mit Behauptungen wie einer Beziehung zu einem fiktiven Haustier in der Wirklichkeit zu verankern versuchten. Mit der Figur von Jong-su macht Lee Chang-dong dabei am meisten, aus naheliegenden Gründen. Denn er ist unsere Gewährsperson in der Geschichte. Wir sehen das, was er sieht, und rätseln über das, was er nicht versteht.

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