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„Burning“ im Kino : Existenzialismus für Hochstapler

  • -Aktualisiert am

Bei Murakami ist Jong-su ganz einfach ein junger Schriftsteller. In „Burning“ ist er ein junger Schriftsteller, der in einem Dorf außerhalb von Seoul eine Landwirtschaft versorgt, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Der Vater ist ein schwieriger Typ, er steht wegen einer Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt vor Gericht, und der introvertierte Jong-su muss nun den Mist aus dem Stall bringen und andere Dinge, bei denen er sich nicht gern von einem Mädchen beobachten lassen will.

Hae-mi ist bald aus der Kalahari wieder da. Sie bittet Jong-su sogar, sie vom Flughafen abzuholen. Dabei kommt sie doch in Begleitung. Sie hat in Afrika einen Mann kennengelernt, der das Gegenteil von Jong- su ist: Ben fährt Porsche, er lebt in einer mondänen Wohnung, und zu seinen Abendgesellschaften kommen schöne, junge Menschen. Bei Murakami heißt es über Bens Auto, es wäre „ein Wagen wie aus einem Schwarzweißfilm von Federico Fellini“. Das ist eine Stelle, an der deutlich wird, dass die Literatur sich hier mit einer schönen Assoziation behelfen kann, während der Film konkret werden muss.

Jazz, Gras und Träume

Lee Chang-dong wählte für die Rolle des Ben einen internationalen Star. Steven Yeun ist vor allem aus der Serie „The Walking Dead“ bekannt; er vertritt nun auch in „Burning“ einen Aspekt von Internationalität, jedenfalls im Vergleich zu dem deutlich an seine Herkunft gebundenen Jong-su. Dessen Darsteller Ah-in Yoo ist auch in seiner Popularität deutlich spezifischer auf die koreanische Kultur bezogen, und wächst hier aus deren teilweise höchst diffizilen Codes heraus.

Die Erzählung von Haruki Murakami gibt für „Burning“ im Grunde nicht viel mehr als ein Gerüst ab, an das Lee Chang-dong dann eine Menge guter Ideen anbringt. Er verortet die Geschichte auch deutlicher im heutigen Korea, während der japanische Weltliteraturstar ja oft eine eigentümliche Zwischenwelt entwirft, die irgendwo zwischen der globalen Popkultur und der Kultur seines Herkunftslands zu schweben scheinen. In einem der schönsten Momente von „Burning“ kommen Ben und Hae-mi überraschend zu Jong-su nach Hause. Für die „geschichtslose“ Hae-mi ist es eine Fahrt in eine Vergangenheit, die an Identifikation nicht viel hergibt. Ben hat Gras mitgebracht, die Abendsonne verstärkt die Benommenheit durch die Droge, dazu kommt – auch das ein Markenzeichen von Murakami – ein Jazzstück. Hae-mi tanzt im Gegenlicht, und ganz allmählich kippt die Stimmung. Die Szene könnte auch kitschig wirken, doch zu diesem Zeitpunkt hat „Burning“ die Geheimnisse der Figuren schon so magisch miteinander verwoben, dass man nun unbedingt wissen will, wie sich die Geschichte zu Ende bringen lässt, ohne alles einer schlechten Auflösung zuzuführen.

In der Erzählung ist es das rätselhafte Titelmotiv, an dem alles hängt: Brennende Scheunen. Dahinter verbirgt sich ein Nihilismus, den der allzu selbstgewisse Ben leichthin vertritt. Man spürt im Film deutlicher als in der Erzählung auch die Grenzen des Erzählers Haruki Murakami: Ben ist eine Figur wie von Dostojewski, aber eben deutlich nicht von Dostojewski, sondern eine vage Skizze der existenziellen Tiefen, die der Russe auch tatsächlich erreicht. Lee Chang-dong hat da vielleicht ein Motiv von Frivolität erkannt, das er buchstäblich geerdet hat. Die Scheunen sind bei ihm Gewächshäuser an den agrarischen Rändern von Seoul. Sie sind konkret, kein Sprachbild, keine mysteriöse Metapher. Wo Murakami mit der Sprache zündelt, sucht „Burning“ nach den Stellen, an denen die Existenz wirklich brennbar ist, und findet sie.

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