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Filmkritik zu „Bombshell“ : Überall in den Büros waren Kameras installiert

Make-up und Prothetik machen aus Charlize Theron Megyn Kelly und aus Nicole Kidman Gretchen Carlson. Margot Robbies Figur ist erfunden. Bild: dpa

Sexuelle Nötigung vor Harvey Weinstein: Der Film „Bombshell“ erzählt den Fall Roger Ailes von Fox News, den seine Starmoderatorinnen zu Fall bringen.

          3 Min.

          Die #MeToo-Bewegung hatte sich noch gar nicht richtig formiert, und es dauerte noch ein Jahr, bis der Weinstein-Skandal an die Öffentlichkeit drang, da wurde bereits ein anderer Medienmogul wegen sexuellen Fehlverhaltens von seinem Posten verjagt. Das war 2016, und es geschah innerhalb von sechzehn Tagen. Grund war die respektlose Behandlung von Mitarbeiterinnen, von denen er sexuelle Ergebenheitsgesten verlangte und sie zu Handlungen nötigte, die sie allein aufgrund des Machtgefälles zwischen ihm, dem Boss, und ihnen, seinen Angestellten, ausführten. Er sah sie gern, so sagte er, auf den Knien. Und er überwachte sie. Überall in seinem Reich hingen Kameras.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der mächtige Mann hieß Roger Ailes (er starb 2017). Er arbeitete für Rupert Murdoch, dessen Sender Fox News er in den Neunzigern aufgebaut und zu einer Erfolgs- und Sehnsuchtsmaschine für ein verlorenes Amerika gemacht hatte, indem er Meinungen als Information und Nachrichten als Unterhaltung verkaufte – unter anderem durch den Einsatz von sexy ladys, die darüber hinaus mit großem Ehrgeiz und rechter politischer Linientreue ihre Karrieren verfolgten. Megyn Kelly war eine von ihnen. Eine andere war Gretchen Carlson. Mit deren Entschluss, gegen Roger Ailes, der sie inzwischen gefeuert hatte, wegen sexueller Belästigung vorzugehen, fing die Geschichte an.

          Es ist eine Geschichte voller ekliger und demütigender Details, aber auch eine, in der keine der Seiten besonders einladend wirkt. Jay Roach hat sich für seinen Film „Bombshell“, der diese Geschichte erzählt, die Unterstützung einer ganzen Reihe von Stars gesichert, um dem Dilemma zu entkommen, das eigentlich niemand dabei ist, den man mögen könnte.

          Die Besetzung mit Superstars hilft

          In seiner pompösen Besetzung liegt Chuzpe – sorgen doch Weltstar-Schauspielerinnen mit makellosem Leumund jenseits ihrer Rollen für einen gewaltigen Sympathievorschuss, und so unterläuft der Regisseur die Schwierigkeit, dass es niemanden in diesem Film gibt, für den das Herz des Publikums schlagen könnte.

          Charlize Theron spielt Megyn Kelly und sieht auch gespenstisch fast so aus wie dieses blonde Aushängeschild des Senders, Nicole Kidman ist als Gretchen Carlson dabei, und Margot Robbie spielt die erfundene Figur der Kayla Pospisil, die Jüngste und Unerfahrenste der drei, die sich selbst als „evangelical millennial“ bezeichnet und eine Melange aus einer ganzen Reihe von Zeuginnen und Opfern von Ailes und anderen sein soll.

          Roger Ailes ist ein rechter Dreckskerl, den John Lithgow als solchen überzeugend spielt, einschließlich der Intelligenz, mit der er die Mechanismen der Branche, in der er so erfolgreich agiert, durchschaut. Dass er mit einer Gehhilfe unterwegs ist wie Harvey Weinstein dieser Tage zu seinen Prozessterminen, gibt der Sache eine geisterhafte Anmutung.

          Das Herz der Zuschauerinnen muss aber auch gar nicht für die drei Moderatorinnen schlagen, damit sie das System erkennen, in dem deren sexuelle Reize zur Steigerung des Betriebsvermögens eingesetzt werden. Charlize Theron nimmt uns gleich zu Beginn sozusagen an der Hand und führt uns durch das Imperium, das Ailes aufgebaut hat. Sie spricht ihr Publikum direkt an, gerade so, wie Megyn Kelly ihr Publikum anspricht, wenn sie ihre Nachrichtensendung moderiert. Das ist ein gutes Mittel, uns mitzunehmen in eine Welt, von der wir bald alles wissen wollen, weil und obwohl das meiste so sehr aus der untersten Schublade menschlichen Verhaltens kommt. Streckenweise sieht der Film auch so aus, als sei er ein Klon des Kabelsenders, mit Bannern, Laufschriften, einem Durcheinander verschiedener Ansagen.

          Frauen sind nicht automatisch solidarisch

          Fernsehen ist ein visuelles Medium. Das ist der beliebteste Spruch von Roger Ailes, der ihm die Lizenz gibt, seinen Mitarbeiterinnen unter den Rock zu schauen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, wie eine der bedrückendsten Szenen vorführt, in der Ailes die junge Kayla empfängt, die etwas naiv ist, allerdings auch von niemandem gewarnt wurde. Wie gesagt: Überall im Sender hängen Überwachungskameras, damit er immer im Bilde ist. Fernsehen ist ein visuelles Medium. Deshalb sind die Tische, an denen die Moderatorinnen sitzen, aus Glas und ihre Röcke kurz. Ihre Uniform besteht aus körpernahen Minikleidern oder schmalen kurzen Röcken in Rot, Weiß oder Blau, hautfarbenen Strümpfen und Stilettos. Wenn sie durch den Sender laufen, schaut ihnen jeder auf Beine, Busen, Po, und sie alle wissen das. Und nicht nur für Fox News gilt, dass die Moderatorinnen eine gewisse Ähnlichkeit miteinander und eine unverkennbare mit Barbies haben. Dass Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie so aussehen und mit fast unbeweglichem Gesicht unter mehreren Lagen künstlicher Wimpern ihre Rollen spielen, hat dem Make-up-Team aus Kazuhiro Tsuji, Anne Morgan und Vivian Baker gerade einen Oscar eingebracht.

          Opfer müssen nicht sympathisch sein, damit sie Mitleid oder Unterstützung verdienen. Frauen sind nicht automatisch solidarisch, auch wenn sie wissen, dass sie es sein müssten, wenn sie Charakter hätten. Sexismus ist blind gegenüber der politischen Überzeugung derer, die er trifft. Es gibt Frauen, die ihrer Karriere zuliebe über Übergriffe schweigen und geschmeidig reagieren, während andere innerlich und beruflich von denselben Vorgängen zerstört werden. Das sind wenig bequeme Wahrheiten, die auszusprechen „Bombshell“ letztlich dann doch nicht genug Chuzpe hat. Was möglicherweise daran liegt, dass der Film vom Rest des Umfelds, das Fox News heißt, sehr wenig erzählt. Dabei reißt schon der Titel eine Doppelbödigkeit auf, die sich nicht ins Deutsche retten lässt, weshalb der Film auch bei uns „Bombshell“ heißt und nicht Bombe, Sexbombe oder Knalleffekt.

          Die Frauen erhielten laut Abspann übrigens fünfzig Millionen Dollar Schadenersatz. Roger Ailes ging mit vierzig Millionen Abfindung nach Hause.

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