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Der Film „Bohemian Rhapsody“ : Eine Spur mehr zu laut wäre noch besser gewesen

Witze gehören natürlich auch dazu, von der mit E-Gitarren gespielten 20th-Century-Fox-Fanfare zu Filmbeginn bis zum dem Moment, in dem ausgerechnet Mike Myers, einst Titelheld von „Wayne’s World“ (1992), dem Film, in dem das Headbangen im Auto zur Holterdipolterstelle des Songs „Bohemian Rhapsody“ das erste Zeichen dafür war, wie hochvital Mercurys Performance seinen Tod überstehen würde, in dem Film, der jetzt so heißt wie das Lied, einen Plattenfirmentrottel spielt, der sagt, dass er nicht glaubt, dass Jugendliche jemals im Auto zu „Bohemian Rhapsody“ headbangen werden. „Tragödie“ ist etwas bei Shakespeare, wenn die wichtigsten Figuren sterben, aber „Komödie“ ist beim selben Autor, wenn die wichtigsten Figuren heiraten, weil sie füreinander bestimmt sind. Die Komödie überwiegt in „Bohemian Rhapsody“, denn füreinander bestimmt sind der Sänger und sein Publikum, und die heiraten andauernd, dass es nur so Sterne spritzt.

Das Unverständliche kann das Allgemeingültige sein

Pathos als Euphorie, Euphorie als Pathos, „Don’t Stop Me Now“ und „Who Wants to Live Forever“ – man könnte eine ganze Pop-Anthropologie aus Queen-Songtiteln bauen, und sie wäre nicht dümmer als irgendwas, was in akademischen Fächern vom Menschen jeden Tag an allen Unis so zusammengeforscht wird. Ein Kritiker der mangelnden Bereitschaft des Feuilletons, sich für Kitsch zu begeistern, meinte neulich, das Schlimme daran sei eine „ elitäre Kunstauffassung“. Darauf kommen nur Leute, die auf Privatschulen waren – Feuilletonismus im schlechten Sinn ist doch gar nicht elitär, Freddie Mercury war viel elitärer (macht nur mal die Augen auf und schaut euch diese Präsentation an, demokratisch geht anders). Das Allerelitärste ist (im Guten wie, manchmal, wie jetzt in Brasilien, im Bösen) sowieso das Allerpopulärste, nämlich die Stimme, die sich an die Masse wendet, indem sie allen Einzelnen darin suggeriert, man unterhalte sich von Meisterschaft zu Empfänglichkeit, von oben nach unten. Autorität muss ein bisschen rätselhaft sein, um zu funktionieren – keine Sau weiß, worum es im Song „Bohemian Rhapsody“ überhaupt geht, was Galileo, Scaramouche und Figaro darin zu suchen haben, aber als der Plattenfirmenidiot sich genau darüber beschwert, reagiert Freddie Mercury, der bis in die Titel letzter Werke („Innuendo“!) wusste, dass das Unverständliche das Allgemeingültige sein kann, mit der berechtigten Arroganz des Götterlieblings.

Ein schlüssiges Bild von irgendwas Gewesenem ist im Magnetfeld dieser Arroganz nicht zu haben, der Schlüssel „Band“ klärt da auch nichts, denn das Wort heißt hier mal „Familie“, mal Gruppe von eigentlich unvereinbaren Außenseitern, die für alle anderen Außenseiter musizieren. Dem Film geht es nicht darum, „wie es war“, nicht um die Begleitumstände des Wembley-Konzerts, nicht um die Münchner Zeit des Sängers, nicht um dessen letzte Tage mit Jim Hutton, auch wenn das alles irgendwie vorkommt, teils total verlogen.

Es geht um die Spannung zwischen dem Massenkunstwerk Queen und den im Rückblick sehr unheimlichen Selbstentblößungen Mercurys in seinen Solosachen („The Great Pretender“, „Living On My Own“) – kein Film könnte in sich zersplitterter sein als jener süße und harte, stumpfe und raffinierte Riesenangeber, dem „Bohemian Rhapsody“ kopflos episodisch, praktisch regiefrei und begeistert hinterherhechelt, aus Neugier wie aus selbstapologetischem Interesse der drei Band-Überlebenden. Es ist wie immer bei eher komischen statt tragischen Opern: Man darf kein Wort und kein Bild glauben, aber jeden vor- und nachgesungenen Ton.

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