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Der Film „Bohemian Rhapsody“ : Eine Spur mehr zu laut wäre noch besser gewesen

Die Entstehungsgeschichte des Films ist eine der langsam und qualvoll herbeigenötigten Unterwerfung seiner Produktion unter die PR-Zwecke der überlebenden Queen-Mitglieder, also des Gitarristen Brian May, des Bassisten John Deacon und des Schlagzeugers Roger Taylor.

Smarte Maus mit Mumm

Der nominelle Regisseur Bryan Singer war zwischendurch unbekannt verschollen, aber das Ding braucht und hat eigentlich ohnehin keine Regie, denn es beschwört einen Geist, dessen Autorschaft athletisch und anzüglich, stark und taumelnd bei seinem Hauptgegenstand zu liegen vorgibt, einem Traum in Uniformjäckchen mit Scheinschultern, Harlekinhosen aus Spandex, Tarzanarmbändern und Dauerwellenbrusthaaren. Alles sonst ist Nebenrolle: Ben Hardy gibt den Roger Taylor als smarte Maus mit Mumm, Joseph Mazzellos John Deacon legt seine Kraft in die Ruhe, Gwilym Lee erkennt in Brian May den Klassensprecher, Schwiegersohn und Weihnachtsengellockenträger, der er tatsächlich ist.

Rami Malek wiederum, der Star, ist zwar hübscher, als Freddie Mercury war, aber Freddie Mercury war dafür schöner, als Rami Malek ist, besser kann man’s nicht ausbalancieren. Die Bewegungen des Schauspielers bleiben hinter denen des Vorbilds angemessen zurück: im Flüssigen etwas weniger fließend, im Eckigen weniger herrisch, so wird ein Sicherheitsabstand eingehalten, um den sich eine filmische Anverwandlung bemühen muss, anders als die Imitatorennummer im Varieté: Alles richtig hier, inklusive die Mundprothese, die den legendären Zahnüberschuss des Sängers nachbildet, an dem er nie etwas ändern ließ, weil er glaubte, nur so die mythische Vier-Oktaven-Reichweite seiner Stimme bewahren zu können. Kunst ist ein Großmaul, sonst ist sie nichts. Das erkennt in der Spielhandlung zuerst die große Liebe Mary Austin; als Lucy Boynton in dieser tragenden Rolle sagt: „I like your style“, ist das der Zauberspruch, der den Helden aus seinen letzten Kokonresten befreit, und sie ist es auch, die ihm sagt, dass er schwul sei (womansplaining, mal was anderes).

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Als Mercurys Bandkollegen bei seinen Eltern samt Schwester zu Gast sind, um seinen Geburtstag zu feiern, spielt er sich selbst ein Ständchen und gratuliert sich zum neuen Namen: Der in Sansibar-Stadt geborene, in Indien aufgewachsene Farrokh Bulsara, den verblödete Kollegen beim Flughafen-Gepäckhelferjob für einen „Paki“ halten, wird damit abgeschafft, und als der Vater mahnt, niemand könne je etwas werden, der etwas anderes sein wolle als das, was er ist, kann der Sohn nicht zustimmen, sowenig, wie er später bereit ist, als HIV-positiver Künstler den Posterboy für Mitleid abzugeben oder das abschreckende Beispiel. Was war er, was wollte er? „Performer“ sein, sagt Rami Malek, und sein Freddie Mercury bleibt das auch auf dem Korridor, wo ein junger Mann in einem der unförmigen Jeansanzüge jener Zeit im Wartezimmer sitzt, mit den Krankheitsmalen der neuen Epidemie am Leib, und den Star zum kurzen Duett einlädt, der dem Wunsch gern entspricht. Unterhaltung ist etwas Todernstes.

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