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Der Film-Anarchist : Die eigenartige Karriere des Dr. Boll

  • -Aktualisiert am

Steigt mit Kritikern in den Ring: Vielfilmer Uwe Boll Bild: dpa

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure, aber kaum jemand kennt ihn. Seine Stoffe nimmt er aus Computerspielen, seine Geldgeber lässt er in Nebenrollen auftreten. Kritiker tun seine Werke gerne als „Trash“ ab. Sein neuer Film ist aber gar nicht so schlecht.

          Im Grunde macht Dr. Uwe Boll alles richtig. Er gewinnt Weltstars wie Ben Kingsley und Burt Reynolds für seine Filme, und Schauspieler aus der Liga der nicht ganz so Berühmten, wie Christian Slater, John Rhys Davies oder „Terminatrix“ Kristanna Loken. Er sagt: „Film ist zu teuer, um sich dabei selbst zu verwirklichen“, und dreht als Regisseur schnell und effektiv. Als Produzent gibt er nur so viel aus, wie er vorher eingenommen hat, und im Gegensatz zu all seinen deutschen Kollegen stammt kein Cent davon aus der deutschen Filmförderung. Für „Schwerter des Königs“, der Filmversion des populären Computerspiels „Dungeon Siege“, hatte Boll sechzig Millionen Dollar zur Verfügung gehabt. Das ist zwar viel weniger, als Peter Jackson, zu dessen „Herr der Ringe“ sich „Schwerter des Königs“ ein bisschen verhält wie ein Italowestern zu seinen Hollywood-Pendants, aber fast das Vierfache, was Bernd Eichinger für „Der Untergang“ zur Verfügung stand. Vertrieben werden seine Filme von großen Verleihern wie Universal oder jetzt der Fox. Keinesfalls also Underground. Er dreht Komödien, Politthriller, Horrorschocker und Fantasy. Allein drei Filme Bolls kamen dieses Jahr ins Kino. Dr. Uwe Boll ist also im Grunde einer der erfolgreichsten und vielseitigsten deutschen Filmemacher.

          Nur hat sich das noch nicht überall herumgesprochen. Und daher verrät die Geschichte des Uwe Boll mehr über den deutschen Film, als dieser hören mag. Es gehört zu den eher erstaunlichsten Aspekten des Kinos der Gegenwart, dass man hierzulande Roland Emmerich und Florian Henckel von Donnersmarck mit patriotischem Eifer für ihre Amerika-Erfolge feiert, Boll aber völlig links liegenlässt. Einem breiten Publikum ist er unbekannt, viele Filmkritiker, die es besser wissen könnten, tun ihn allzu oberflächlich als reinen „Trashfilmer“ ab. Nicht, dass das völlig unberechtigt wäre. vierzehn Filme hat Boll bisher als Regisseur gedreht, und darunter sind schon ein paar, auf die nicht einmal er selbst wirklich stolz ist. Aber sie sind auch nicht alle schlecht, und mit „House of Dead“, gleichfalls Verfilmung eines Videospiels, hat er richtig viel Geld verdient.

          Er meint das alles ganz ernst

          Aber wie funktioniert das „System Boll“? Er dreht „back to back“, das heißt, er heuert eine Top-Crew, dreht mit der aber gleich zwei Filme gleichzeitig oder hintereinander, zuletzt in 55 Drehtagen - so viel braucht Hollywood für einen einzigen Film: „Das sind richtig gute Leute. Und die ziehen das dann auch professionell durch. Die wissen dann auch: Hier sind nicht drei Leute, die sich unterhalten, sondern wir brauchen Helikopter, Explosionen - es muss richtig abgehen!“

          Dafür spart Boll vor allem an den Schauspielern. Er castet kurzfristig, nimmt, wer gerade Zeit hat und sein Höchstgehalt akzeptiert. Mit Glück bekommt man auf diese Weise sogar jemanden wie Ben Kingsley: „Man hat für jede Rolle sechs, sieben Schauspieler. Für mich ist Kevin Costner weg vom Fenster, wenn der mir sagt: ,Ich spiele das Ding nur für zehn Millionen.' Nein danke! Es können nur viele nicht vertragen, dass ich das dann so offen sage.“ Und als sich beim Dreh für den Schocker „Bloodrayne“ in Rumänien einige Nebendarsteller weigerten, sich auszuziehen, hat Boll dann eben mal ein paar Prostituierte verpflichtet. Aber die, die für ihn arbeiten, mögen ihn: „Er ist loyal, ich bin es auch“, sagt etwa Kristanna Loken.

          Den Etat für all dies finanziert Boll über Filmfonds und private Geldgeber. „Bevor ich mir bei den Studiobossen oder den deutschen Förderheinis den Mund fusselig rede, begeistere ich lieber noch ein paar Zahnärzte.“ Dafür bietet er auch besondere Gegenleistungen: Wer Geld gibt, darf auch in kleinen Rollen mitspielen, einen Sklaven zum Beispiel, ein Monster oder eine Leiche - manchmal könnte man glauben, Boll sei im Grunde ein großer Satiriker. Nein - er meint das alles ganz ernst. Leistung für Gegenleistung. Genauso wie er darauf besteht, dass Finanzanalysten seinen Fonds „überdurchschnittliche Rückflüsse“ attestieren.

          Übertünchter Wahnsinn

          Im Grunde hat Uwe Boll wie gesagt schon immer alles richtig gemacht. Als Kind drehte er im gleichen Alter wie Christoph Schlingensief seine ersten Super-8-Filme. Als ihn die Filmhochschulen von Berlin bis München ablehnten, studierte er eben Germanistik, promovierte mit einer Arbeit über „Die Gattung Serie und ihre Genres“ und fing bei einer Produktionsfirma an. Als er glaubte, genug zu wissen, machte er sich selbständig und drehte seine ersten Filme „German Fried Movie“ und „Barschel - Mord in Genf“. Beide floppten, also schrieb Boll ein Buch über diese Erfahrungen, in dem er auch gleich Vorschläge macht, um den deutschen Film ökonomisch von Grund auf zu revolutionieren: Nicht Abschaffung der Förderung, aber „alle Filmemacher, Politiker et cetera raus“ aus den Gremien, und Filmhochschulen sollten nur noch aufnehmen, wen „die Professoren ablehnen wollen, oder Losverfahren“.

          Schon klar, dass man sich mit alldem keine neuen Freunde macht. In den Vereinigten Staaten hat Boll, einst erfolgreicher Amateurboxer, den alten Traum verkannter Künstler schon verwirklicht und Kritiker zum Duell gefordert, im Boxring. Die vier, die verrückt genug waren, sich darauf einzulassen, landeten im Krankenhaus - auf YouTube kann man alle Kämpfe angucken.

          Ein bisschen ist bei Boll noch von dem nur pragmatisch übertünchten Wahnsinn spürbar, der Hollywoods Studiosystem auszeichnete, und auch dessen megalomanische Selbstüberschätzung ist ihm nicht fremd. Zugleich ist er auf seine Art einer der ganz wenigen unabhängigen Autorenfilmer, die diesen Namen auch verdienen: Er macht seine eigenen Filme, in der Weise, in der er sie machen will; er hat einen vergleichsweise kleinen Etat, deshalb sind diese Filme auch nicht perfekt, aber er macht aus seinen beschränkten Mitteln das Beste. Und seine Filme atmen immer einen Hauch von William Blake - schwarz und pessimistisch, voller Leidenschaft. Einem Schlingensief nicht ferner als einem Eichinger - in seinem Inneren ein Anarchist.

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