https://www.faz.net/-gqz-9vzos

NS-Belastung der Berlinale : Blinder Fleck

  • -Aktualisiert am

Alfred Bauer, damals Berlinale-Direktor, am 3. Juli 1971 auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Bild: dpa

Neueste Recherchen belegen, dass Alfred Bauer, der erste Direktor der Berlinale, ein eifriger SA-Mann und Funktionär der NS-Filmindustrie war. Die Enthüllungen beschädigen das Filmfestival empfindlich.

          3 Min.

          Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist häufig nicht nur eine Wissensquelle, sondern auch ein Indikator für die Zufälligkeiten, aber auch für Logiken von Erkenntnis und Interesse. Der Eintrag zu Alfred Bauer, von 1951 bis 1976 Direktor der Berlinale, ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist verblüffend kurz. Das mag man so deuten, dass da ein hochrangiger Filmfunktionär der alten Bundesrepublik nach seinem Tod 1986 in die halbe Vergessenheit einer bloß noch pflichtschuldig besorgten Annalistik zurückgefallen war.

          Seit gestern ist allerdings klar, dass im Falle Bauer nicht nur das anonyme Autorenkollektiv von Wikipedia oberflächliche Informationen verbreitet hat, sondern dass zu Bauer wesentliche, ja zwingende Nachforschungen nie erfolgten. Bis sich ein Mann des Falles annahm, der sich als Hobby-Historiker für das Kino der dreißiger und vierziger Jahre interessierte und der auf Akten stieß, die Alfred Bauers Karriere in der NS-Filmindustrie in ein deutlich anderes als das bisher bekannte Licht setzten.

          Er wandte sich an die „Zeit“, wo die wichtigsten Erkenntnisse gestern publiziert wurden. Bauer war demnach von 1942 bis 1945 nicht Mitarbeiter der Ufa, des wichtigsten deutschen Filmkonzerns dieser Zeit – so steht es bei Wikipedia, so lautete auch die offiziöse Auskunft, die viele Jahre von der Berlinale kolportiert wurde. Er war Referent der Reichsfilmintendanz, also einer der höchsten Beamten der vor allem durch Goebbels generalstabsmäßig geführten und ideologisch instrumentalisierten NS-Filmwirtschaft. Und man hätte ihm diese Funktion wohl nicht anvertraut, hätte ihm nicht die Gauleitung Mainfranken 1942 eine „einwandfreie politische Einstellung“ bescheinigt, die Bauer als „eifriger SA-Mann“ bezeugt habe.

          Man hätte es längst wissen können

          Das alles hätte man lange wissen können, aber es bedurfte eines Amateurs, um es an den Tag zu bringen. Die Verlegenheit ist groß, Bauers NS-Verstrickungen strahlen nicht nur auf die frühe Geschichte der Berlinale aus, sondern auch auf deren eigene Geschichtsschreibung und Traditionsbildung. Der Alfred-Bauer-Preis, mit dem beim Festival seit 1987 alljährlich ein Film ausgezeichnet wird, der „neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet“, wird nun „ausgesetzt“, wie gestern als erste Reaktion vermeldet wurde. Die Berlinale nimmt sich auch vor, die „Festivalgeschichte mit externer fachwissenschaftlicher Unterstützung aufzuarbeiten“.

          Dabei wird es nicht nur um die Jahre 1942 bis 1945 gehen müssen, sondern mindestens so sehr um die unmittelbaren Nachkriegsjahre, in denen es Alfred Bauer gelang, sich mit seiner Version der Geschichte als unbedenklich durchzumogeln und schnell wieder in wichtige Funktionen zu gelangen. Auch dazu ist der Wikipedia-Eintrag auffällig knapp. Man kann es aber auch für bezeichnend halten, dass Wolfgang Schivelbusch in seinem Standardwerk „Vor dem Vorhang“ über „Das geistige Berlin 1945-1948“ über Bauer kein Wort verliert. Da hat offensichtlich eine radikal vereinfachte und verdrehte Deckgeschichte sehr gut funktioniert.

          Dabei war es nicht so, dass es nicht Gründe für Argwohn gegeben hätte. Der Filmemacher und Regieprofessor Christoph Hochhäusler erzählt davon, dass in den vergangenen Jahren immer wieder über den Alfred-Bauer-Preis gesprochen wurde. Die Bauer-Legende von einer Überwinterung auf einem unbedeutenden Ufa-Schreibtisch bis 1945 „war immer unplausibel“, so Hochhäusler. Und auch der freiberufliche Filmhistoriker Claus Löser, der 2016 für ein Geschichtsmagazin einen Text über „Die Geburt der Berlinale“ schrieb, fand damals die Aktenlage „in den Andeutungen ziemlich dicht“, dass es da noch etwas herauszufinden gab.

          Doch niemand ging in die Archive, was nebenbei auch ein Indiz für einen blinden Fleck in der Wissenschaftslandschaft ist: Der Fall Bauer fiel wohl der Sache nach in ein Fach Filmgeschichte, das de facto kaum jemand betreibt, oder wenn, dann in einem Naheverhältnis zu den Institutionen, über die eigentlich zu forschen wäre. Alfred Bauer war übrigens selbst mit zwei stark aus Sammlerperspektive geschriebenen Standardwerken (Deutscher Spielfilm-Almanach 1929–1950 und 1946–1955) ein Beispiel für die Probleme des Fachs.

          Der Mythos von der Berlinale als dem Festival der freien Welt ist nun stark beschädigt. 1951 war eben doch nicht nur ein Neubeginn, mit Westberlin als Tor zur freien Welt, sondern auch eine Ablenkung von personellen wie institutionellen Kontinuitäten, die nun unvermutet, siebzig Jahre später und wenige Tage vor der Eröffnung der Jubiläumsberlinale, zu einer enormen geschichtspolitischen Herausforderung geworden sind.

          Weitere Themen

          Ein überirdisches Gespann

          Eröffnung der Berlinale : Ein überirdisches Gespann

          Kinokabinettstücke und andere Kleinigkeiten: An diesem Donnerstag wurden die siebzigsten Berliner Filmfestspiele eröffnet. Zum ersten Mal leitet eine Doppelspitze das Festival – und einiges soll anders werden.

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.