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Der Europäische Filmpreis 2013 : Sorrent und Sorrentino

Ausgezeichnet: In „La Grande Bellezza“ spielt Toni Servillo den hoch angesehenen Autor Jep Gambardella Bild: dpa

Den Europäischen Filmpreis zu erhalten, ist eine Ehre ohne Gewinn. Mit der Preisverleihung hat das europäische Kino wenigstens für dieses Mal wieder gezeigt, dass es existiert. Das Problem sind die Filme.

          2 Min.

          Die Europäische Filmakademie, die jedes Jahr im Dezember ihre Preise verleiht, steckt wie alles echt Europäische in einer prekären Mittellage. Von den nationalen Filmakademien, die eigene Auszeichnungen wie die Césars oder den David di Donatello vergeben und deren Glanz nicht gern durch eine Euro-Trophäe vermindert sehen möchten, wird sie mit Misstrauen betrachtet. Die internationale Filmbranche dagegen kann mit dem Europäischen Filmpreis wenig anfangen, weil er sich, anders als der Oscar, kaum in klingende Münze an den Kinokassen umwandeln lässt. Ihn zu gewinnen, ist eine Ehre ohne Gewinn.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber es steht ja ein Gedanke hinter dem Preis, und diesen Gedanken zu veranschaulichen ist die Aufgabe der alljährlich stattfindenden Verleihung. Es ist deshalb keine bloße Shownummer, wenn sich sechs Schauspielerinnen und Schauspieler, bekannte und unbekannte, auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele versammeln und, jeder für sich, leidenschaftlich für die sechs nominierten Spielfilme werben, obwohl die Akademie den Sieger längst gekürt hat. Und wenn sich Catherine Deneuve, Pedro Almodóvar, Ennio Morricone, Noomi Rapace, Christophe Lambert und viele andere zum Schlussfoto um den Akademiepräsidenten Wim Wenders gruppieren, dann hat das europäische Kino wenigstens für dieses Mal wieder gezeigt, dass es existiert.

          Großes Kino: Der französische Regisseur François Ozon (l.), Schauspielerin Catherine Deneuve, der spanische Regisseur Pedro Almodovar und der italienische Schauspieler Toni Servillo gemeinsam auf der Bühne Bilderstrecke
          Großes Kino: Der französische Regisseur François Ozon (l.), Schauspielerin Catherine Deneuve, der spanische Regisseur Pedro Almodovar und der italienische Schauspieler Toni Servillo gemeinsam auf der Bühne :

          Das Problem sind die Filme. In diesem Jahr hat sich die Akademie für Paolo Sorrentinos „La Grande Bellezza“ entschieden, einen ziemlich lebensmüden, sehr fellinesken, in angefetteter Breitwand-Ästhetik ertrinkenden Bilderbogen aus dem Rom der postindustriellen Dekadenz; der Film bekam sogar noch die Preise für Regie, Schnitt und den besten Darsteller Toni Servillo. Auch Susanne Biers „Love is All You Need“, der die Auszeichnung als beste Komödie gewann, spielt in Italien; nur ist es hier die touristische bellezza der Küste von Sorrent. Als bester Dokumentarfilm wiederum wurde „The Act of Killing“ gekürt, der, von dem Amerikaner Joshua Oppenheimer gedreht, in Indonesien spielt, aber mit dänischem und norwegischem Geld finanziert wurde. Hier die lauwarme Postkartenschönheit, dort der kalte Mechanismus des Geldes – beides ist Europa, aber als Jahressieger und Aushängeschild der Akademie hätte man sich andere Filme gewünscht, Abdellatif Kechiches „La vie d’Adèle“ etwa, der zur allseitigen Überraschung leer ausging, oder Pablo Bergers „Blancanieves“ (F.A.Z. vom 28. November), der das Märchen der Brüder Grimm im Flamenco-Rhythmus zum Tanzen bringt.

          Es waren die Ehrenpreisträger, die dem Abend einen Platz in der Erinnerung sichern. Zuerst Pedro Almodóvar, der sich von den Schauspielern seines letzten Films auf der Bühne feiern ließ und für die Moderatorin Anke Engelke sogar seine Sonnenbrille absetzte. Dann Catherine Deneuve, die sichtlich gerührt das Podium betrat, nachdem auf der Videowand ein Szenenpotpourri aus ihren wichtigsten Filmen gelaufen war. Sie habe diese Filme alle auf DVD, sagte sie, aber sie komme nicht dazu, sie anzuschauen. Deshalb sei sie besonders erschüttert gewesen, ihre alten Schauspielpartner in den Bildern wiederzusehen. „Manche von ihnen sind tot, aber jeder ist ein Teil von mir. Und ich bin immer noch hier und mache Filme.“ Das ist im Grunde die Botschaft jeder großen Filmpreisverleihung, auch der europäischen. Und besser als Catherine Deneuve kann man das auch nicht sagen.

          Die Preisträger

          Bester Spielfilm: „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ von Paolo Sorrentino (Italien)
          Beste Komödie: „Love Is All You Need“ von Susanne Bier (Dänemark)
          Bester Debütfilm: „Oh Boy“ von Jan Ole Gerster (Deutschland)
          Beste Regie: Paolo Sorrentino für „La Grande Bellezza - Die große
          Schönheit“ (Italien)
          Beste Schauspielerin: Veerle Baetens für „The Broken Circle“
          (Belgien)
          Bester Schauspieler: Toni Servillo für „La Grande Bellezza - Die
          große Schönheit“ (Italien)
          Lebenswerk: Catherine Deneuve (Frankreich)
          Europäischer Beitrag zum Weltkino: Pedro Almodóvar (Spanien)
          Publikumspreis für den besten europäischen Film: „Portugal, mon amour“ von Ruben Alves (Frankreich)
          Bestes Drehbuch: François Ozon für „In ihrem Haus“ (Frankreich)
          Beste Kamera: Asaf Sudry für „An ihrer Stelle“ (Israel)
          Beste Filmmusik: Ennio Morricone für „The Best Offer - Das höchste Gebot“ (Italien)
          Bester Schnitt: Cristiano Travaglioli für „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ (Italien)
          Bestes Szenenbild: Sarah Greenwood für „Anna Karenina“ (Großbritannien)
          Bestes Kostümbild: Paco Delgado für „Blancanieves - Ein Märchen von Schwarz und Weiß“ (Spanien)
          Bestes Sounddesign: Matz Müller und Erik Mischijew für „Paradies: Glaube“ (Österreich/Deutschland/Frankreich)
          Bester Dokumentarfilm: „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer (USA/Dänemark/Norwegen/Großbritannien)
          Bester Animationsfilm: „The Congress“ von Ari Folman (Israel)
          Bester Kurzfilm: „Death Of A Shadow“ von Tom Van Avermae (Belgien)

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