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Zum 70. Oliver Stones : Auge in Auge mit Männern, die Geschichte machen

Oliver Stone nach einem Treffen mit Danilo Medina, dem Präsidenten der Dominikanischen Republik Bild: Picture-Alliance

Der Enttäuschte: Kein anderer Regisseur klagt lauter über sein amerikanisches Vaterland als Oliver Stone. Heute wird er siebzig Jahre alt.

          In diesen Tagen, auf Tour für seinen neuen Film „Snowden“, ist Oliver Stone mal wieder in Rage. Hollywood sei feige, die Vereinigten Staaten ein Polizeistaat, „das ganze System ist am Arsch“. Das ist die Rhetorik der hohen Drehzahl, wie man sie von ihm kennt. Und man wäre überrascht, wenn er nicht titanische Kämpfe hätte ausfechten müssen, um den Film zu finanzieren. Bei „Snowden“ sekundierte ihm die deutsche Filmförderung, weil kein Hollywood-Studio sich traute.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So bleibt Oliver Stone uns erhalten als der Mann, der sich gegen das System stellt, und wenn man ihn mal interviewt hat, könnte man auf den Gedanken kommen, er sei auch der einzige Mann, der das noch tut – the Last Man Standing. Die martialische Attitüde ist schon aus den frühen Filmen vertraut, sie mag damit zu tun haben, dass der Sohn wohlhabender Eltern – der Vater war, kein Witz, Broker an der Wall Street – als Freiwilliger in den Vietnam-Krieg zog und mit Orden wiederkam, und zwar nicht aus Rebellion gegen einen liberalen Vater, sondern aus geteilter, tiefer republikanischer Überzeugung, von der er sich dann brachial lösen musste wie der Musterheld in „Born on the Fourth of July“ (1989) – ein Seelenverwandter Stones wie jetzt Edward Snowden, dessen Vita sich ebenfalls als Geschichte einer sukzessiven Ent-Täuschung über den Verrat an Amerikas Idealen erzählen lässt.

          Die Vietnam-Erfahrung bot mehr als nur den Stoff für drei Filme. Der Furor, der in diesen steckte, und die manisch wirkende Energie suchten sich neue Wege. Offenbar auch in Stones Privatleben, das nach den ersten Erfolgen als Drehbuchautor (darunter ein Oscar für „Midnight Express“, 1978), nach „Platoon“ (1986) und „Wall Street“ (1987) wild, exzessiv und voller Drogen gewesen sein soll.

          Stone fing sich. Er behielt den Hang zur pompösen Inszenierung. Subtil waren seine Filme nie, und seine Bereitschaft zur lautstarken Konfrontation war auch ziemlich marketingtauglich, weil sie den Konflikt oft größer erscheinen ließ, als er war.

          Seine goldene Zeit waren die neunziger Jahre. Er wühlte sich für „JFK“ (1991) durch sämtliche Verschwörungstheorien zur Kennedy-Ermordung und entwickelte seine eigene Variante. Weil er eine Beteiligung staatlicher Stellen insinuiert hatte, wurden im Zuge der öffentlichen Debatte zahlreiche Dokumente freigegeben. Bei „The Doors“ (1991) und „Nixon“ (1995) gab es nur kleinere Scharmützel, doch sie festigten Stones Ruf als unerschrockener Kämpfer mit ungewöhnlichen Methoden, der mit der bisweilen hyperaktiven Montagetechnik seiner Filme, dem Einsatz verschiedener Filmformate und Filter signalisierte, dass er auch ästhetisch ganz vorne dran war.

          Als er 1994 Tarantinos Drehbuch „Natural Born Killers“ adaptierte, war das jedoch für beide Seiten kein Glücksfall. Die Geschichte von dem Serienkillerpärchen und der medialen Sensationsgier wirkte auch visuell eher wie ein Teil dessen, was Stone (nicht Tarantino!) anprangern wollte, und brachte nur eine dieser fruchtlosen Diskussionen darüber hervor, ob falscher Medienkonsum junge Menschen zu Nachahmungstätern werden lasse.

          Vom Nimbus der Neunziger zehrt Stone letztlich bis heute. Er hat sich eingerichtet auf welthistorischen Heldenplätzen, unter Kriegern und Alphatieren, lebendigen wie toten. Auge in Auge mit Männern, die Geschichte machen. Er besuchte Fidel Castro, sie plauderten dreißig Stunden lang, daraus wurde „Comandante“ (2003), er drehte einen lauen Spielfilm über George W. Bush („W.“, 2008) und versuchte sich an Leben und Sterben Alexanders des Großen (2004), was lediglich ein paar Griechen erregte, die keinen bisexuellen Nationalhelden wollten.

          Aber der große mediale Schlachtenlärm will nicht mehr recht aufkommen. „World Trade Center“ (2006) war ein Allerweltsfilm über ein welthistorisches Ereignis, „Wall Street – Geld schläft nicht“ (2010) wirkte müde und uninspiriert, als wäre Gordon Gekko unter die Moralapostel gefallen. „Snowden“ greift dafür nun mal wieder nach dem Mantel der Geschichte. Da er vor Jahren schon zum Buddhismus konvertiert ist, wird Oliver Stone auch nach seinem heutigen siebzigsten Geburtstag wohl nicht mit dem Schicksal hadern, sollte ihm der Saum wieder aus den Fingern gleiten.

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