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Zum Tod von Omar Sharif : Der edle Wilde

Die ewige Paraderolle: Szene aus „Doktor Schiwago“, 1965. Bild: dpa

Rebell, Mongole, Beduine - Omar Sharif beherrschte nicht nur auf der Leinwand ein breites Repertoire von Rollen. Seine großen Orient-Romanzen machen ihn unvergesslich.

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          So reitet einer in die Filmgeschichte ein: langsam, unendlich langsam aus der Tiefe der Wüste auf die Kamera zu und damit auf das Publikum im Saal. Wenn man „Lawrence von Arabien“, 1962 im monumentalen 70-mm-Format gedreht, ein paar Jahre später dann als Zehn- oder Elfjähriger das erste Mal gesehen hat, voller Aufregung, mit glühenden Wangen und geringem Verständnis, dann war man hin und weg. Die Leinwände erscheinen einem in der Erinnerung größer, als sie waren, wie einem auch die Straßen der Jugend breiter vorkommen, als man sie heute wahrnimmt. Und Omar Sharif, der diesen Mann, der aus der Wüste kam, spielte, war einem sympathischer als Peter O’Toole, weil einem damals eben auch Indianer näher waren als Cowboys und die Beduinen näher als ein Brite, der sich mit ihnen zusammentat. Sharif war Hollywoods Traum vom edlen Wilden und Krieger mit unwiderstehlichem Blick und blendendem Aussehen, der, wie man später bei David Thomson las, „spielerisch einen modernen Valentino herbeizauberte“.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Für einen Jungen um 1970 war das der Inbegriff von Weite und Abenteuer. In „Doktor Schiwago“ (1965), den man womöglich noch weniger kapierte, lernte man dann, was Liebe, Versagung und Schmerz sind, man war der festen Überzeugung, die erste Freundin, die man haben würde, dürfe nur wie Julie Christie aussehen, und ein Lied wie „Lara’s Theme“ werde dann erklingen – und wohl auch dann, wenn es mit einem zu Ende ginge, was damals eher fern lag. Aber diese Szene, in welcher der ergraute Jurij schwermütig durch die Straßenbahnscheibe seine große Liebe zu sehen glaubt, sich mühsam den Weg hinausbahnt, um dann auf einer Moskauer Straße zusammenzubrechen, die ließ einen schmerzhaft ahnen, was das Leben einem alles würde antun können.

          Mit Barbra Streisand in „Funny Girl“ (1968). Bilderstrecke
          Omar Sharif : Omar Sharif

          Klar, ich hatte keine Ahnung, dass Omar Sharif ein Ägypter aus syrisch-libanesischer Familie war und dass allein Hollywoods spezielle Ethnographie ihn in einen Beduinenführer, dann in einen Russen, aber auch in Dschingis Khan oder, im „Untergang des Römischen Reichs“, in einen armenischen König verwandeln konnte; auch ein deutscher Wehrmachtsgeneral steckte in ihm, als Ruhm und Appeal groß genug waren, in Anatole Litvaks „Die Nacht der Generale“ (1966), und sogar ein Revolutionär in „Che!“ (1969).

          Erst später nahm man dann zur Kenntnis, dass der 1932 in Alexandria Geborene auch mal Mathematik und Physik studiert hatte, dass er 1973 Bridge-Weltmeister wurde und ein Vermögen verzockte, dass er, ausgerechnet nach dem Sechstagekrieg, in „Funny Girl“ (1968) eine Romanze mit der Jüdin Barbra Streisand hatte. Und während man älter wurde, wurden auch die pompöse Einfalt und schlichte Ideologie seiner großen Filme immer sichtbarer. Sharif bekam nur noch eine Menge ziemlich uninteressanter Rollen angeboten, bis er in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ 2003 noch einen würdigen Altersauftritt hatte. Nun ist Omar Sharif, im Alter von 83 Jahren, in Kairo gestorben. Der stolze Sherif Ali und der traurige Jurij Schiwago jedoch werden ihn überleben, solange es das Kino gibt.

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