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„Je suis Charlie“ im Kino : Die Mörder halten jeden freien Menschen für „Charlie“

Hinter dem kleinen Karikaturistenblatt erkannten die Franzosen die Freiheitswerte der Republik: Szene aus dem Dokumentarfilm „Je suis Charlie“. Bild: Temperclay Film

Ohne Sockel: Daniel und Emmanuel Leconte dokumentieren mit ihrem Film „Je suis Charlie“ die Phase zwischen zwei verheerenden Attentaten in Paris und setzen den Opfern des Terrors ein Denkmal.

          3 Min.

          Was bleibt, ein Jahr nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“? Bilder von Menschenmassen auf der Place de la République in Paris? Abertausende, die Stifte in die Höhe reckten und Zettel mit der bald ikonischen Aufschrift „Je suis Charlie“? Als die ersten dieser Aufnahmen entstanden, waren die drei Tage des Terrors im Januar 2015 noch nicht zu Ende. Neben ihrem Angriff auf das Satiremagazin nahmen sich die islamistischen Terroristen einen jüdischen Supermarkt zum Ziel. Siebzehn Menschen ermordeten sie insgesamt. Und die Franzosen, unter Schock, sammelten sich hinter „Charlie“, weil sie in den ermordeten Karikaturisten dieses kleinen, überaus bissigen, mit Respektlosigkeit wuchernden Karikaturenblatts die Freiheitswerte der Republik erkannten. Der Slogan erweiterte sich: „Ich bin Charlie, ich bin Jude, ich bin Polizist.“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Charlie“ war in diesen Tagen Frankreich. Doch der Journalist und Filmemacher Daniel Leconte hatte das schreckliche Gefühl, dass jeder Pressebericht und jede Solidaritätsadresse ihm seine Freunde, die erschossenen Karikaturisten „Cabu“ Jean Cabut, „Charb“ Stéphane Charbonnier, „Tignous“ Bernard Verlhac und Georges Wolinski und die anderen Redaktionsmitarbeiter, nur weiter entrissen. Er beschloss, seinen eigenen Bericht zu drehen, gemeinsam mit seinem Sohn Emmanuel.

          Daniel Leconte hat schon einmal einen Film über das Satiremagazin gedreht. „Der Fall Charlie Hebdo“ kam 2008 in die Kinos und beschäftigt sich mit dem Prozess, den im Jahr zuvor ein französischer Islamverband gegen die Karikaturisten angestrengt hatte. Sie hatten Mohammed-Karikaturen der dänischen „Jyllands Posten“ nachgedruckt und eine eigene auf den Titel gehoben. Das Gericht gab „Charlie“ recht. Der Hass der Radikalen wuchs. Morddrohungen folgten, ein Brandanschlag, eine Fatwa aus Pakistan, Personenschutz für Charb. All das wirkt rückblickend wie die Hinführung auf das Massaker. Leconte schneidet altes Material, das nun geradezu prophetisch wirkt, unter Aufnahmen vom Tag des Attentats und dem, was folgte: der Einzug der Überlebenden in die Redaktionsräume der „Libération“ und ihr Anzeichnen gegen den Tod, weil sie nicht wahr werden lassen wollten, was die Attentäter gerufen hatten: „Wir haben ,Charlie‘ getötet.“

          Wie schnell die Vorwürfe wieder laut wurden

          Wir verfolgen die Entstehung der ersten Ausgabe nach den Morden, deren Titelbild abermals Mohammed zeigte, weinend, mit dem Schild „Je suis Charlie“, Überschrift: „Alles ist vergeben“. Daniel und Emmanuel Leconte wissen: Es braucht Zurückhaltung, sobald es um einen Gegenstand geht, den niemand betrachten kann, ohne Betroffenheit zu empfinden. Entsprechend ruhig inszenieren sie ihren Film „Je suis Charlie“. Wenn der Blick auf die bebenden Füße des Zeichners „Luz“ Renald Luzier fällt, als er sein Titelbild für die Ausgabe der Überlebenden zeigt, sagt das mehr als Worte aus dem Off. Musik setzen die Lecontes sparsam ein; den Ton geben die Weggefährten und Davongekommenen an. Sie erzählen vom Grauen, aber auch Anekdoten und Scherze der Getöteten. Die wiederum sprechen in Aufnahmen aus Daniel Lecontes Prozessfilm und noch älteren Amateurvideos für sich: Cabu, Charb, Tignous und die anderen. Sie sitzen im Bus, singen Zoten, reißen Witze am Zeichentisch. Es liegt ein tolldreister Ernst über der Ausgelassenheit. „Ich täte es wieder“, sagt der Drohungen ausgesetzte Cabu auf die Frage, ob er Mohammed noch einmal zeichnen würde.

          Als Speerspitze der Presse- und Meinungsfreiheit hat sich dieser oft geradezu kindlich-anarchisch wirkende Trupp selbst nie gesehen. Extremisten haben ihn dazu gemacht, aber die Karikaturisten haben sich dieser Rolle gestellt. Das wird deutlich, wenn „Riss“ Laurent Sourisseau und Gérard Biard, die heute die Zeitung leiten, mal lachend, mal beinahe unter Tränen erzählen - und beklagen, wie schnell wieder Vorwürfe laut geworden sind, „Charlie“ habe sein Unglück selbst herausgefordert. Die im Bild gegenwärtigen Toten konterkarieren mit ihrem Witz Anschuldigungen, die aus Opfern Täter machen wollen. Was wirklich geschah, wissen diejenigen am besten, die nur durch Zufälle den Kugeln entgangen sind. „Coco“, die Zeichnerin Corinne Rey, ließ sich mit einer Kalaschnikow im Rücken von den Islamisten zwingen, die Tür zur Redaktion aufzuschließen und den Weg ins Konferenzzimmer zu weisen. Sie wusste, dass ihre Freunde sterben würden, und dachte an ihre kleine Tochter. „Ich bin zerrissen“, sagt sie, Tränen im Gesicht. Eric Portheault, der Buchhalter der Zeitung, versteckte sich hinter einem Schreibtisch. Als die Schüsse fielen, legte sich seine Cockerspaniel-Hündin auf sein Gesicht. Er wisse, warum, sagt er. Sie habe ihn davor bewahrt, hinzuschauen.

          Die Opfer sind zurück im Kreis ihrer Mistreiter

          Auf die Reaktionen im Ausland schaut der Film nicht, er wahrt eine strikt französische Perspektive. Genauer: die Perspektive von „Charlie“ selbst. Deshalb erfahren wir auch nichts von den innerredaktionellen Auseinandersetzungen nach dem Attentat. Sie gehören auch nicht hierher. Es geht vor allem um die Sorge, dass auf die Welle der Solidarität das große Wegducken folgt. Das Zurückweichen aus Furcht. Dass die Anschläge vom November 2015 in Paris mit 130 Toten das Attentat auf die Satiriker wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen, weil die Terroristen auf mörderische Art unterstrichen haben, dass ihnen tatsächlich jeder frei lebende Mensch „Charlie“ ist, konnten die Lecontes nicht ahnen. Ihr Film war vorher fertig. So ist er schon jetzt das historische Dokument einer Phase zwischen zwei verheerenden islamistischen Terroranschlägen in Paris.

          Vor allem ist er, angereichert mit behutsam animierten Schlüsselkarikaturen, ein Denkmal für die Opfer. Er hebt sie nicht auf einen Sockel, sondern holt sie zurück in den Kreis ihrer Mitstreiter. So zeigt sie auch eine Karikatur in der jüngsten Ausgabe: „Wahrlich, ich sage euch, wir werden noch lange miteinander lachen“, sagt da, in der Manier Jesu, der ermordete Herausgeber Charb.

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