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Berlinalesieger „Touch Me Not“ : Eine echte Zumutung

Tomas Lemarquis als Tomas (l.) und Christian Bayerlein als Christian (2.v.l.) in einer Szene von „Touch Me Not“ Bild: dpa

Es gab bei der Berlinale schon schlechtere Gewinner als „Touch Me Not“. Aber keinen schlimmeren. Jetzt kommt die Mischung aus Spielfilm und Dokumentation ins Kino.

          Wenn es heißt, ein Film sei mehr als ein Film, nämlich „eine Erfahrung“, ist Misstrauen am Platz. Meistens geht es dann darum, länger als sonst im Kino zu sitzen oder Bilder und Töne zu ertragen, die unter anderen Umständen als Zumutung gelten würden. Es gibt aber auch Zumutungen, die zu Glückserfahrungen werden, etwa die dreizehn Stunden von Jacques Rivettes „Out 1“ oder die ekstatische Monotonie der Filme von James Benning. Das Kino lebt von solchen Grenzgängern, so wie jede Kunst von ihren Pionieren lebt, den Rebellen, die sich nicht an die Spielregeln halten. Es gibt aber auch Spieler, die aus anderen Gründen gegen die Regeln verstoßen, zum Beispiel, weil sie ihren Sinn nicht mehr verstehen. Dann findet die ganze Partie mit gezinkten Karten statt. Eine solche Kinopartie ist Adina Pintilies Film „Touch Me Not“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am Anfang von „Touch Me Not“ fährt die Kamera über einen nackten Männerkörper: Beine, Penis, Bauch, Brust, aber kein Kopf. Im nächsten Bild sieht man ein leeres Zimmer, ein Spiegel wird vor das Objektiv geklappt, und darin erscheint der Kopf der Regisseurin. Das ist die doppelte Bewegung dieses Films: Er schaut – und er schaut sich beim Schauen zu. Er zeigt etwas, doch er zeigt auch sich selbst. Er geht ein paar Schritte, dann dreht er sich um und betrachtet die Spur, die er gelegt hat.

          Die Frau, die den nackten Mann zu sich bestellt hat, ist Laura (Laura Benson). Sie möchte herausfinden, warum sie Probleme mit ihrem Körper, ihrer Sexualität, ihren Aggressionen hat, und deshalb sieht sie dem Mann, einem bulgarischen Callboy, beim Onanieren zu, trifft sich danach mit einem österreichischen Transsexuellen, der als Immobilienmakler und Escort-Mann arbeitet, und besucht schließlich einen australischen Sexualtherapeuten, der gegen ihren Brustkorb schlägt, bis wilde Schreie aus ihr herausbrechen. Zwischen diesen Treffen und Sitzungen geht sie in ein Krankenhaus, in dem ihr Vater, offenbar der Verursacher ihres Traumas, im Sterben liegt. Einmal zerbricht sie voller Wut eine Schallplatte an seinem Bett.

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          Im selben Krankenhaus nehmen der Pfleger Tómas (Tómas Lemarquis) und der schwerbehinderte Christian Bayerlein an einer Gruppentherapie teil. Tómas hat aufgrund einer Autoimmunkrankheit keine Körperbehaarung und wurde gerade von seiner Partnerin verlassen. Bayerlein dagegen, obgleich an spinaler Muskelatropie leidend, erlebt eine erfüllte Sexualität mit seiner Freundin Grit. In der Therapiegruppe lernt Tómas, seine Angst vor der Berührung von Bayerleins durch die Erkrankung gezeichneter Physis zu überwinden. Außerdem berichtet er von seiner Kindheit und seiner Mutter, von der er sich im Stich gelassen fühlte.

          Beide Erzählstränge in „Touch Me Not“ funktionieren nach demselben Muster: Eine fiktive Figur trifft auf reale Charaktere. Tómas Lemarquis ist ein isländischer Schauspieler, Laura Benson eine französisch-britische Schauspielerin; die Menschen dagegen, denen sie bei ihren Therapieversuchen begegnen, verkörpern sich selbst. Gegen diese Vermischung von Dokumentation und Spielfilm – die rumänische Regisseurin nennt sie „Hybrid“ – ist wenig zu sagen, auch wenn man es durchaus grenzwertig finden kann, Frau Hanna Hoffmann aus Wien dabei zuzusehen, wie sie ihr Glied und ihre Brustwarzen massiert. Wer ins Kino geht, löst immer auch ein Ticket ins „innere Afrika“, wie Freud es genannt hat; ein Immobiliendeal wäre weit weniger spektakulär gewesen.

          Eine echte Zumutung wird dieser Film erst in dem Augenblick, in dem er die beiden Stränge zusammenführt. Der Ort, an dem das geschieht, ist ein Sexklub in einer unbekannten Stadt („Touch Me Not“ wurde in Bulgarien, Rumänien sowie in Leipzig, Halle und Crimmitschau gedreht, ohne dass man je wüsste, wo man sich gerade befindet). Hier treffen Laura und Tómas zum ersten Mal aufeinander; und hier beobachten sie, wie Christian Bayerlein in einer Nische oral befriedigt wird, wie Sexarbeiter ihre diversen Arbeiten verrichten und wie Tómas’ Freundin (die ebenfalls von einer Schauspielerin dargestellt wird, der Bulgarin Irmena Chichikova) durch Fesselspiele zum Orgasmus kommt. Die Regisseurin zeigt, anders gesagt, reale und inszenierte Sexualität auf derselben Erzählebene. Sie benutzt den wirklichen Christian Bayerlein dazu, ihre Geschichte einer Paarbildung unter Berührungsgehemmten visuell anzuschärfen. Sie sucht Authentizität und findet Pornographie.

          Nach dieser Sequenz liegen in „Touch Me Not“ die Karten auf dem Tisch, und es ändert auch nichts, dass die Regisseurin noch einmal vor die Kamera tritt und mit ihrer abwesenden Mutter redet, als hätte sie erst durch die Story von Laura und Tómas begriffen, dass alles Übel in der Familie liegt. Adina Pintilie hat mit ihrer Doppelbelichtung von Fiktion und Dokument keine neue Form von Wahrheit geschaffen, sondern ein Monstrum: einen Film, in dem selbst die Wirklichkeit wie eine Lüge aussieht. Die Erfahrung, die man mit diesem Film macht, ist die eines Betrugs. Insofern ist das Berührungsverbot keine reine Floskel: Wenn man „Touch Me Not“ anfasst, fällt seine scheinbar ausgeklügelte Konstruktion in sich zusammen. Im Februar verlieh die Jury der Berlinale dem Film den Goldenen Bären. Es gab in Berlin schon schlechtere Gewinner. Aber keinen schlimmeren.

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