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Vladimir Cosma wird 80 : Meister der Einprägsamkeit

Vladimir Cosma dirigiert ein Konzert mit seinen Filmmusiken im Pariser „Grand Rex“ am 26. Januar 2019. Bild: Picture-Alliance

Er schrieb die Musik zu den populärsten Filmkomödien mit Pierre Richard und Louis de Funès, zu „La boum“ und für „Asterix“: Am Ostermontag wird Vladimir Cosma achtzig Jahre alt.

          3 Min.

          Musik kann im Film Situationen untermalen, Erzählungen emotional verstärken oder konterkarieren, aber sie kann dem Film auch einen Ton geben, den er aus sich selbst heraus nicht hat, kann einen Rahmen setzen, der allem eine andere Bedeutung, ein anderes Gewicht gibt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Vladimir Cosma ist das schon mit seiner ersten Filmmusik 1968 gelungen – zu Yves Roberts Komödie „Alexander der Lebenskünstler“, worin Philippe Noiret seinen großen Durchbruch erlebte als Bauer, der den Druck der Leistungsgesellschaft abwirft, sich zwei Monate lang ausschläft und dann wie ein Kind neu zu leben beginnt: spielend, durch die Natur strolchend, mit seinem Hund namens „Hund“ in unzertrennlicher Gefährtenschaft. Zu dieser Burleske einer infantilen Regression schrieb Cosma ein Chanson für Isabelle Aubrey, das das Utopische dieses naturnahen, unentfremdeten Lebensentwurfs hervorkehrte und das Unverwirklichbare daran in Melancholie tauchte: Die Musik ist eine Pastorale in Moll, ein zarter, leichter, doch elegischer Walzer. Ihr Ton macht deutlich, dass es für den Menschen, solang er bei Bewusstsein ist, unmöglich sei, was der Text als Wunsch formuliert: „oublier le temps, qui va“ – die Zeit zu vergessen, die vergeht.

          Cosma kam in Bukarest zur Welt als Kind einer Musikerfamilie. Schon sein Vater Teodor hatte zwischen 1925 und 1930 in Paris Jazz mit Jean Wiener gemacht; seine Großmutter war Konzertpianistin und Schülerin von Ferruccio Busoni gewesen. Cosma lernte mit vier Jahren Geige spielen, gab mit acht sein erstes öffentliches Konzert und begann mit zwölf zu komponieren. Vom Konservatorium in Bukarest mit ersten Preisen als Geiger und Komponist ausgezeichnet, durfte er 1963 nach Paris gehen, um sein Studium bei Nadia Boulanger fortzusetzen.

          Er blieb in Frankreich und arbeitete schon bald als Arrangeur für den Filmkomponisten Michel Legrand. Mit Beginn der siebziger Jahre überflügelte Cosma die Popularität all seiner Kollegen, indem den Kassenschlagern des Kinos Geist, Herzlichkeit und zusätzlichen Witz verlieh. Man findet seine Musik nicht in den Filmen von François Truffaut oder Alain Resnais; das mag ein Grund sein, seine Arbeit zu unterschätzen. Aber Cosma ist neben Henry Mancini und Nino Rota, neben seinem französischen Kollegen Philippe Sarde, der sich eng an den Regisseur Claude Sautet gebunden hatte, neben den Russen Wjatscheslaw Owtschinnikow und Eduard Artjemjew einer der größten Könner seines Fachs.

          Er selbst sagte, dass er lieber den Ton eines Films mit definiere, als dessen einzelne Situationen zu untermalen. Und er liebe nichts Zusammengestückeltes in der Musik. Als Yves Robert ihn 1972 bat, für „Der große Blonde mit dem Schwarzen Schuh“ (wodurch Pierre Richard zum Star wurde) eine Musik im Stil der James-Bond-Filme zu erfinden, machte Cosma etwas völlig anderes: eine Kombination aus Zymbal und Panflöte, die einprägsam und komisch zugleich war, weil sie – wie der Film selbst – das Genre des Agententhrillers hopsnahm.

          Für „Brust oder Keule“ mit Louis de Funès als Restaurantkritiker schuf Cosma eine Musik, die mit geradezu genialer Einfachheit das Thema des Films auf den Punkt brachte: Wie kann die traditionelle französische Küche, die in der Tradition der Aristokratie verwurzelt ist, unter den Bedingungen einer modernen Massengesellschaft fortexistieren? Cosma begann mit einem pompösen Menuett im Stil des achtzehnten Jahrhunderts und raste dann durch einen Pizzeria-Pop à la Rondo Veneziano: Plastik-Barock mit tackernden Beats und Synthesizer, der klassische Kost genauso in Zellophan einschweißte wie der Tricatel-Konzern seine Fertiggerichte. Aber Cosma verbreitete damit gute Laune.

          Ob für „Rabbi Jacob“ (mit Louis de Funès) oder „Ich bin schüchtern, aber in Behandlung“ (mit Pierre Richard) – Cosma definierte den Klang des europäischen Familienkinos über eine ganze Ära hinweg. Seine Titelmusik zu dem deutsch-britischen Fernsehmehrteiler „Die Abenteuer des David Balfour“ wurde als „David’s Song“ ein Erfolg der Kelly Family. Die Schmuseballade „Dreams are my reality“ für „La Boum“ (Die Fete), gesungen von Richard Sanderson, stammt ebenso von Vladimir Cosma wie der Kindergeburtstagslärm für die animierte Version von „Asterix – Sieg über Cäsar“. Cosma schrieb für Nana Mouskouri und Mireille Mathieu, begeisterte aber zugleich den Trompeter Chet Baker zu einem eigenen Jazz-Album.

          Für einen Meilenstein des Bildungsfernsehens, den Sechsteiler „Richelieu“, schrieb er eine Musik, die mit den historischen Typen der französischen Ouvertüre wie des Air die Entstehung des feudalen Absolutismus wie die Artikulation der modernen Subjektivität reflektierte. Seine schönste Filmmusik ist vielleicht die Habanera mit ihrem raffinierten Changieren von Dur- und Moll-Terz zu Yves Roberts Film „Der Ruhm meines Vaters“ nach den Kindheitserinnerungen von Marcel Pagnol.

          Wenn dieser Großmeister einprägsamer Erfindung am Ostermontag achtzig Jahre alt wird, ist das ein guter Anlass, die Qualität von Gebrauchsmusik zu bewundern, die komplex ist und erinnerungsbildend wirkt. Die Konzerte im Pariser „Grand Rex“, die er selbst dirigieren sollte, sind von April auf September verschoben. Cosma arbeitet unterdessen in seiner Pariser Wohnung an den Orchester-Arrangements – in der Hoffnung, dass sie besser würden. Per Video wandte er sich von dort an sein Publikum: „Ich denke an Euch alle. Bis bald!“

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