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Filmkritik: „Suicide Squad“ : Bewährung ist kein Teamsport

Batman und Joker spielen nur Nebenrollen – im Mittelpunkt stehen Harley Quinn (Margot Robbie) und Deadshot (Will Smith). Bild: AP

Batman und der Joker spielen hier nur Nebenrollen, Schurkinnen und Schurken stehen im Mittelpunkt. Doch dafür ist die Comicverfilmung „Suicide Squad“ erstaunlich konventionell geraten.

          Kein Witz: Treffen sich ein Gettokrokodil, eine Vollverrückte, ein Auftragskiller, ein Brandstifter, eine Schwertschleuderin und ein Buschprolet an der Bar und diskutieren übers amerikanische Strafrechtssystem. Na ja, nicht ganz, wir sind in Hollywood und bei einer Comic-Verfilmung, Gesellschaftliches bleibt außen vor; es geht in „Suicide Squad“ also nur um individuelle Schuld und persönliche Vergeltung unter Knastvögeln statt um Tatsachen wie die, dass fünfzig Prozent der Leute, die in den Vereinigten Staaten aus dem big house entlassen werden, schnell wieder hineinwandern (und zwar zu zwei Dritteln wegen Verletzung von Bewährungsauflagen, die man nur erfüllen kann, wenn man’s mit der Resozialisierung, regelmäßiger Arbeit und so fort gar nicht erst versucht).

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Abstand zwischen Systemfragen und Einzelschicksalen kann man während „Suicide Squad“ im Kino problemlos halblaut diskutieren, während der Film läuft, weil man dabei nie in Gefahr gerät, Wichtiges zu verpassen, solange man nicht vergisst, die Unterhaltung immer dann zu unterbrechen, wenn auf der Leinwand entweder Margot Robbie oder Will Smith eine Szene gestalten dürfen.

          Beide spielen hier Kriminelle der Sorte, die nur Übermenschen aufhalten können. Für ihre Untaten bezahlen sie als Angehörige eines Himmelfahrtskommandos (daher der Filmtitel), das von der Regierung der Vereinigten Staaten im Rahmen eines Bluthundprogramms für „Metahumans“ (Übermenschen auf Silicon-Valley-Englisch) in verdeckten Operationen an den schlimmsten Fronten der inneren Sicherheit verheizt werden soll. Als diese Idee in den späten Achtzigern als Update einer dreißig Jahre früher entworfenen zahmeren (und mit weniger Strafgefangenenentrechtung verzierten) Sondereinsatzkommando-Phantasie beim Comicverlag DC neu lanciert wurde, war das als Beitrag zur seinerzeitigen Welle wenig kindgerechter Heftchen gedacht, die von dieser Firma wie auch von der Konkurrenz Marvel Comics als grim, gritty und realistic verkauft wurden.

          Gut, Grauzonen, schlecht

          Die bunten Figuren wurden darin (wie das Publikum im wirklichen Leben) nicht mehr vor die naive Alternative „Gut oder Böse?“ gestellt, sondern mit Grauzonen konfrontiert, wo Gute auch mal Böses tun und Böse Gutes – bei Marvel betraf das den Punisher, Wolverine, Daredevil und Konsorten, bei DC Batman, Lobo, Green Lantern oder eben die Suicide Squad.

          Was diese Truppe beim Drehbuchautor und Regisseur David Ayer jetzt hätte riskieren können, wenn die Studiogewaltigen dazu aufgelegt gewesen wären, war gar nicht wenig: Weil Superheldinnen und Superhelden wie ihre schurkischen Zerrspiegelbilder vor allem vielfältig anschlussfähig überzeichnete Pop-Identifikationsangebote sind, wäre die Selbstmordschwadron als Platzhalterensemble für ökonomisch, ethnisch, medizinisch Abgehängte und Aussortierte inszenierbar gewesen, für Menschen also, die in den Vereinigten Staaten überproportional zahlreich die realen Knäste bevölkern: Latinos, Schwarze, White Trash, psychisch Kranke, vor allem aber Arme. Kann man nicht auch mal Actionkino für Leute machen, die wegen manisch-depressiver Psychokonstitution arbeitsunfähig sind, einen Strafbefehl wegen irgendeiner Ordnungswidrigkeit nicht bezahlen können und am letzten Tag in Freiheit, bevor sie als säumige Schuldner in den Bau wandern, noch mal Margot Robbie als Harley Quinn, die irrsinnige Geliebte der Batman-Nemesis The Joker, im Multiplex bewundern wollen, wie sie in short shorts und mit verschmiertem Make-up als Nina Hagens jüngster Slutwalk-Klon einen Haufen Monster breithaut, die aussehen wie faulige Himbeeren als Streikposten bei der New Yorker Müllabfuhr? Klar, geht.

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