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David Cronenberg in Cannes : Im Wettbewerb für innere Schönheit

Sie schnitten und sie küssten sich: Léa Seydoux und Viggo Mortensen als Künstlerpaar in „Crimes of the Future“ Bild: Nikos Nikolopoulos

David Cronenberg kommt mit seinem Alterswerk „Crimes of the Future“ nach Cannes und beweist, dass er die Kunst der filmischen Provokation nicht verlernt hat.

          3 Min.

          Viggo Mortensen. Kristen Stewart. Léa Seydoux. Es ist kaum übertrieben zu be­haup­ten, dass David Cronenberg die derzeit angesagtesten Schauspieler der Kinobranche für seinen neuen Film verpflichtet hat. Und auch der Film selbst war, mindestens für ei­nen Tag, der angesagteste Beitrag im Wettbewerb von Cannes.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Schiff, das in Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ dramatisch untergeht (F.A.Z. vom 23. Mai), ist bei Cronenberg längst auf Grund gelaufen. In der ersten Einstellung von „Crimes of the Future“ spielt ein kleiner Junge am Strand. Dann geht er ins Haus und beginnt, einen Mülleimer aus Plastik zu zerkauen. Seine Mutter legt ihn aufs Bett und erstickt ihn mit ei­nem Kissen. Dann ruft sie den Vater an und bittet ihn, „das Ding“ abzuholen.

          Anatomiestunde am lebenden Objekt

          Das nächste, was wir sehen, ist ein Mann, der in einer Muschel aus Haut, Knochen und Fleisch liegt. Er hat schlecht ge­schlafen, denn sein Körper hat schon wieder ein neues Organ produziert. Dieser Saul (Mortensen) und seine Partnerin Caprice (Seydoux) nennen sich Künstler, aber was sie wirklich tun, erinnert an eine Anatomiestunde am lebenden Objekt. Dabei legt sich Mortensen in eine andere graubraune Mu­schel, und Seydoux schneidet ihm mit ferngesteuerten Skalpell-Armen den Bauch auf und entnimmt das darin ge­wach­sene Or­gan. Manchmal liegen die beiden auch gemeinsam in ihrem Operationsgehäuse, dann tanzen die Skalpelle wie stechlustige Hornissen auf ihren nackten Körpern. Chirurgie, heißt es in „Crimes of the Future“, sei der neue Sex.

          Was David Cronenberg sei mittlerweile gut fünfzig Jahren im Kino veranstaltet, hat man als Body Horror bezeichnet, aber man könnte es auch Erkundungen im Reich der Biomechanik nennen. Cronenberg interessiert sich für den Punkt, an dem Fleisch und Metall, Körper und Technik zusammenstoßen, nicht weil er die technisierte Welt verteufeln, sondern weil er wissen will, warum der Mensch darin so schlecht funktioniert. In „Crimes of the Future“ bekommt dieses Muster einen aktuellen ökologischen Dreh, denn das Kind, das am Anfang stirbt, ist das erste Exemplar einer neuen menschlichen Spezies, die sich von Plastik ernähren kann. „Wir müssen anfangen, un­se­re In­du­strie­ab­fäl­le zu essen“, sagt der Vater des Jungen, der zugleich Chef einer Techno-Öko-Sekte ist, die in ihrem Geheimlabor aus in Schokoladeform gepresstem Plastikstaub die Kraftnahrung der Zukunft herstellt. Der postglobalen Obrigkeit ist dieses Treiben suspekt, weshalb Saul als Spitzel auf die Aktivisten angesetzt wird. Den Bauchbrüter aber reizt etwas anderes: Er will am „Wettbewerb für innere Schönheit“ teilnehmen, wobei ihm die Agentin Timlin (Stewart) behilflich sein soll.

          „Crimes of the Future“ wurde in einem In­du­strie­vor­ort von Athen gedreht, weshalb man überall griechische Schriftzeichen und gelegentlich einen verrosteten Fischkutter sieht, aber ein Wahrheit spielt der Film in einem ganz eigenen, rein cronenbergischen Universum. Darin treffen sich verschworene Gemeinschaft in schattigen Katakomben, um dabei zuzusehen, wie sich eine Frau die Wangen aufschlitzen oder den Fuß mit einem Sichelmesser mal­trä­tie­ren lässt, und Liebende greifen einander nicht an Brust und Hüften, sondern an den vernarbten Leib, um an einer frischen Operationswunde herumzusaugen. Das kann man visionär finden oder auch abstoßend, und dem Film eilte bei seiner Premiere in Cannes der Ruf voraus, er habe Zuschauer bei Vorabvorführungen schreiend aus dem Kino getrieben. Aber aus der Nähe betrachtet wirken seine visuellen Provokationen beinahe vertraut, was nicht zu­letzt Cronenbergs eigenem Lebenswerk zu verdanken ist. Schon in „Vi­deo­drome“ und „Die Fliege“ hat er die Mutationsfähigkeiten menschlicher Körper er­kun­det und in „Crash“ mit der Lust an Folter und Verstümmelung gespielt. Die besondere Qualität seines neuen Films hat deshalb weniger mit seinem Inhalt als mit seinem Stil zu tun. „Crimes of the Future“ besitzt einen traumwandlerischen Glanz, der an den späten Fellini oder Bergman erinnert. Die großen Regisseure, scheint es, kehren im Alter zu ihren Anfängen zu­rück. Bei Bergman war es die Welt der Kindheit, bei Cronenberg ist es der Operationssaal.

          Der klassizistische Touch von „Crimes of the Future“ passt zum untergründig mu­se­alen Charakter dieses Jubiläumsfestivals. Wenn Cannes sich nach der Corona-Pause verjüngen will, hat es jedenfalls noch einen weiten Weg vor sich. Auch das Kino des Koreaners Park Chan-Wook wirkt gealtert, obwohl der Regisseur noch keine sechzig ist. In „Decision to Leave“ erzählt Park zum tausendunddritten Mal die Ge­schich­te vom Polizisten, der sich in eine schöne Mörderin verliebt. Das sieht sehr elegant aus, weil Parks Kamera ein sicheres Gespür für Farben, Licht und Atmosphäre hat, aber Stil ist eben nicht alles. Seine Wirkung verfliegt nach einem Tag. In Cannes aber suchen sie Filme für die Ewigkeit.

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