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David Cronenberg im Gespräch : Uneingeschränkt denken

  • Aktualisiert am

David Cronenberg bei einer Vorführung seines Films „A Dangerous Method“. Bild: REUTERS

Ein Gespräch mit dem Regisseur David Cronenberg über Sigmund Freud, C.G. Jung und die Macht des Zufalls.

          Herzlichen Glückwunsch zu „A dangerous method“. Auch wenn er sehr gelungen ist - verstehen Sie, dass trotzdem manche Ihrer Fans finden, dies sei gar kein ’richtiger’ Cronenberg-Film?

          Cronenberg: Ja, sicher. Ich kann das verstehen. Aber vielleicht sind es diese Fans, die mich missverstehen. Ich begann vor über 40 Jahren als Regisseur mit „Transfer“, der die Geschichte eines Analytikers und seines Patienten erzählt. Psychologie und Psychoanalyse haben mich mein Leben lang interessiert. Ich denke auch, dass die besonders spektakuläreren Effekte mancher meiner Filme, die Wahrnehmung meiner Arbeit verzerrt haben. Ich finde, ich habe eine klare Kino-Handschrift, die sich von anderen Filmemachern unterscheidet. Aber diese ist nicht „Body Horror“ - das hat irgendjemand erfunden.

          In meinen Filmen gibt es immer Hauptfiguren, die hellwach und intellektuell sind, die sich artikulieren können, die von einer Leidenschaft für Ideen erfüllt sind. Wenn man die Sache aus dieser Perspektive betrachtet, ist „A dangerous method“ vielleicht gar nicht mehr so ungewöhnlich.

          Darum kann ich nur darüber lachen, wenn mich Leute auf „Body Horror“ und solche Schlagworte reduzieren. Wenn ich lang genug leben sollte, werde ich tausend Filme machen. Über alles. Über Hunde. Tierfilme. Naturgewalten. Über Evolution. Ich würde gern einen Film über Darwin machen. Es gibt so viele Dinge, die mich interessieren. Ich schränke mein Denken nicht ein.

          Philosophie und Motive des Existentialismus sind ein zentrales Thema Ihrer Arbeit...

          So ist es. Ich betrachte Freud als einen existentialistischen Helden. Freud insistierte auf den Tatsachen des menschlichen Körpers. Das war seine Revolution. Dies war zu einer Zeit, als der Körper jenseits aller Diskussion stand. Man redete einfach nicht über Körperliches.
          Freud dagegen argumentierte: Man sollte nicht nur darüber reden. Sondern man muss den Körper anerkennen. Er ist alles. Die ganzen Flüssigkeiten des Körpers, die Nervenbahnen, die Zellen, Ströme und Gene haben einen riesigen Einfluss darauf, wer wir als Personen sind, was wir denken. Und dazu kann ich dann sagen: Ok, das ist auch mein Thema.

          Denn was ist das Haupt-Objekt, das wir mit der Kamera filmen? Es ist der menschliche Körper. Man kann nichts Abstraktes fotografieren, den Körper dagegen schon.

          Kann man auch Gedanken filmen? In gewisser Weise tun Sie das ja?

          Gewiss. Das stimmt, und das genau ist das Aufregende. Das Imaginäre im Konkreten zu zeigen, das Ungreifbare im Greifbaren, ist die Kunst des Filmemachens. Ohne dass man zu eindeutig wird, zu einfach und zu strukturiert. Ohne zu predigen.

          „A dangerous method“ erzählt vom Konflikt zwischen Freud und Jung. Stimmt der Eindruck, dass Freud der wahre Held von „A dangerous method“ ist, dass Sie sich auf seine Seite schlagen?

          Ich würde es nicht „Held“ nennen. Sagen wir: Ich fühle mich Freud weltanschaulich näher, als Jung. Bevor ich den Film begonnen habe, war mir das gar nicht so bewusst, aber ich empfinde eine Verwandtschaft und Sympathie für Freud, für seinen Atheismus, seine Kultur, die Tiefe seiner Bildung und seiner Neugier.

          Genau so ging es ja auch Jean-Paul Sartre, dem Begründer des Existentialismus. Kennen Sie das Drehbuch, dass Sartre für John Hustons Film über den jungen Freud geschrieben hat, und das dann mit Montgomery Clift verfilmt wurde?

          Oh ja! Ich kann mir keine seltsamere Kombination vorstellen, als Sartre und Huston. Finden Sie nicht? Denn Huston war nun bestimmt kein Intellektueller, Sartre war natürlich einer. Wie Freud. [Lacht] Es überrascht mich also nicht, dass dieser Film sehr merkwürdig ist, und nicht besonders erfolgreich war. Ich habe den Film allerdings zuletzt vor vielen Jahren gesehen. Das würde ich eigentlich gern mal wieder tun. Wäre bestimmt interessant...

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