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Dokumentarfilm über Milch : Vom Gras ins Glas?

  • -Aktualisiert am

Auch diese dürren Exemplare gehören zum fatalen „System Milch“. Bild: Tiberius Film

Kühe sind lebendige Kraftwerke. Doch womit werden sie am Laufen gehalten? „Das System Milch“, ein beispielhafter Dokumentarfilm, erklärt es.

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          Für den Landwirt Alexander Agethle hat die Welt einen Radius von gerade einmal 200 Kilometern. Was jenseits davon liegt, damit will er nichts mehr zu tun haben. Denn er betreibt einen Hof, den er als „beseelt“ bezeichnet, und diese Beseelung lässt sich nicht beliebig verschicken, schon gar nicht auf einen Weltmarkt, für den er die Milch vielleicht zuerst pulverisieren müsste, bevor sie dann in Maschinen in fernen Ländern wieder zu einem Käse gemacht würde, der nichts mehr von seiner Herkunft aus einem hinteren Winkel in Südtirol weiß.

          In dem Dokumentarfilm „Das System Milch“ von Andreas Pichler vertritt Agethle so etwas wie die Idealposition einer nichtentfremdeten Landwirtschaft, die mit dem Marketing zwar auch schon längst im Internetzeitalter angekommen ist, die den Weg der Milch „vom Gras ins Glas“ (oder in den Käse beziehungsweise „Kas“) nicht unbedingt auf die Lieferdistanzen der globalisierten Warenströme ausdehnen möchte.

          Dokumentarfilme nähern sich den „Systemen“

          Dass die Milch ein System hat oder wohl sogar eher eines ist, das ist eine Behauptung, mit der Pichler nicht viel riskiert. Im Gegenteil zeigt sich gerade auf dem Feld des deutschsprachigen Dokumentarfilms, dass hier schon seit geraumer Zeit ein nachgerade systemtheoretisches Interesse zu erkennen ist. Vielfach versucht man, einen Schlüssel zu den Verhältnissen der Gegenwart zu finden: über die Dinge, die wir wegwerfen („Kommen Rührgeräte in den Himmel?“), oder über die Frage, wo eigentlich der Strom herkommt („Power to Change – Die Energierebellion“), oder eben über die Landwirtschaft als Teilsystem der Wirtschaft („Bauer unser“).

          Die Milch steht dabei als Naturprodukt par excellence neben dem Brot, das schon ein paar Verarbeitungsschritte weiter ist. In ihrer Form zeigen diese Filme alle Spielarten von der Kontemplation („Unser täglich Brot“) bis zum neueren Agitprop („Let’s Make Money“), und sie schließen dabei in unterschiedlicher Form an Klassiker wie Peter Kriegs „Septemberweizen“ (1980) an, in dem auch schon eine Form von globaler Landwirtschaft in den Blick kam, die weder den Produkten noch den Menschen zuträglich erschien. 1975 hatte Krieg übrigens auch schon einen Film über „Flaschenkinder“ gemacht, in dem er anprangerte, wie der Nestlé-Konzern mit seinen Milch(pulver)produkten in den (damals noch so genannten) Entwicklungsländern aggressiv auf die Märkte drängte.

          Der Unterschied zwischen Milch und Milchpulver ist so augenscheinlich und chemisch irreführend, dass man sich fast wundert, dass Andreas Pichler, der als Kind selbst Kühe gehütet hat und sich nun für das „System Milch“ interessiert, nicht ein wenig näher darauf eingeht. Im Grunde hätte er hier ein nicht zuletzt visuelles Motiv, an dem sich die allgemeine Tendenz zur Rationalisierung auch in der Milchproduktion gut erhellen ließe. An so einer Kuh, die allerdings auch bei Pichler kaum einmal im Singular oder gar mit Namen auftritt, wie es auf Höfen mit 700 oder mehr Tieren kaum noch möglich ist, machen sich eben die Dynamiken bemerkbar, die insgesamt in der menschlichen Geschäftstätigkeit schon lange zu beobachten sind.

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