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Dokumentarfilm über Milch : Vom Gras ins Glas?

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Der Blick richtet sich nur auf die großen Zusammenhänge

So wird die Fütterung so weit wie möglich automatisiert, auch das Melken: Eine Frau unbekannter Nationalität, die Sorge dafür trägt, dass die Melkstutzen auch korrekt sitzen, bekommt offensichtlich des öfteren etwas von den Tieren ab – es ist einer der Momente, an denen in „Das System Milch“ die Neugierde konkret werden könnte, aber es ist auch einer der Momente, in denen selbst ein kritischer Dokumentarist wie Andreas Pichler es eilig hat. Denn es geht ja um die großen Zusammenhänge, und da bleibt für ein Interview mit einer Billigarbeitskraft keine Zeit. Es wäre wohl auch nicht so, dass man von dieser Frau etwas Neues erfahren würde, allerdings ist der Faktor Arbeitskraft in Pichlers System fast so etwas wie ein blinder Fleck. Das ist aber nicht ganz überraschend in einem Zusammenhang, in dem noch bei beträchtlichen Unternehmensgrößen die älteren Logiken des Familienbetriebs weiterhin vorgeschützt werden.

Die großen Tendenzen in der Milchwirtschaft sind alle nicht unbekannt; es ist aber doch ein Unterschied, ob einem ein Wissenschaftler auf einer saftigen grünen Wiese erklärt, was es mit dem Stickstoffkreislauf auf sich hat (Kühe sind „lebende Kraftwerke“, denen zur Leistungssteigerung viel „überseeisches Protein“ zugeführt wird, dass dann „unsere Flächen“ belastet). Früher haben die Kühe aus Gras Eiweiß gemacht, heute kommt das Eiweiß aus dem Regenwald, und aus Kraftfutter wird Kraftbutter. Nur die Gülle muss irgendwo hin.

Nicht alle Faktoren können beleuchtet werden

Bezeichnenderweise hat Pichler von den deutschen Bauernvertretern keinen vor die Kamera bekommen oder geholt. Mit der Interessenswahrung der Landwirtschaft ist es ja eine komplizierte Sache, schon allein deswegen, weil das System Milch viel zu differenziert ist, um einfach mit einer Quote in Brüssel gut bedient zu sein.

Dass die Befürchtung „Die Chinesen saufen uns leer“ (die umgekehrt auch einer Goldgräberstimmung entsprach, denn in China müssen die Menschen erst an das „weiße Lebenselixier“ gewöhnt werden) zu der heutigen Überproduktion für einen gnadenlos auf die Preise drückenden Weltmarkt geführt hat, wäre eine eingehendere Analyse wert gewesen – und zeugt davon, dass auch bei einem so genau definierten Teilsystem wie der Milchwirtschaft ständig so viele unterschiedliche Logiken wirksam sind, dass der Systemüberblick, wie Pichler ihn versucht, schnell ein wenig zu einem Leitartikel mit verteilten Rollen werden kann.

Film kann neue Diskussionsgrundlage schaffen

Die Implikationen dieses konkreten Films sind aber doch deutlich genug und lassen sich auf größere Systeme und schließlich wohl auf die kapitalistische freie Marktwirtschaft mit ihren vielfältigen Monopol- und Hegemonialtendenzen übertragen: Milch ist beileibe nicht einfach ein Naturprodukt, sondern eher ein maximal auf Effizienz hin optimiertes Industrieprodukt, bei dem ein Organismus zwischengeschaltet ist. Die Kühe tragen dies buchstäblich aus: sie werden sofort nach einer Kalbung wieder besamt, und haben häufig schmerzhaft überdimensionierte Euter. Hier wird „Das System Milch“ auf eine Weise augenscheinlich, die sich auch für Plakate und Polemik eignen würde.

Auf konkrete Handlungsoptionen auch für Einzelne will Andreas Pichler nicht hinaus. Er weiß, dass das Lebensmodell der Agethles – Familienjause nach rechtschaffen getaner Arbeit – auch so unmittelbar mehr einleuchtet als die Plastikbeutel, die ein Molkereibetreiber im Senegal aus dem Kühlschrank holt. Er zeigt diese Beutel, weil er mit ihnen nicht konkurrieren kann. „Das System Milch“ zeigt die Fehleranfälligkeit des Systems Mensch angesichts des Systems Natur immerhin auf eine Weise, dass man eine Diskussionsgrundlage gewinnen könnte, die über die bloße Sehnsucht nach einem Kurzschluss vom „Gras ins Glas“ hinausführen kann.

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