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„Isadoras Kinder“ im Netz : Das Kino steigt um

  • -Aktualisiert am

Auf der Plattform Kino-on-Demand kann man diesen Film streamen, die Einnahmen werden dabei mit Kinos geteilt, in denen er unter normalen Umständen gelaufen wäre: Szene aus „Isadoras Kinder“. Bild: Eksystent

Die Spitzentitel der Kino-Auswertung werden verschoben. Vielleicht bekommen großartige kleine Filme wie „Isadoras Kinder“ jetzt mehr Aufmerksamkeit, als sie unter normalen Umständen möglicherweise erlebt hätten.

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          Von der berühmten Tänzerin Isadora Duncan gibt es eine Fotografie, auf der sie mit ihren beiden Kindern zu sehen ist; mit beiden Armen umfängt sie Deirdre und Patrick wie eine moderne Schutzmantelmadonna. 1913 saßen die Kinder in einem Auto, das wegen einer Unachtsamkeit des Chauffeurs in die Seine stürzte. Beide ertranken. Auch von der Bergung des Wagens gibt es ein Foto. In dem Film „Isadoras Kinder“ ist es auf dem Laptop einer jungen Tänzerin von heute zu sehen, die sich mit „La mère“ beschäftigt, also mit jener Darbietung, mit der Isadora Duncan damals auf den Verlust reagierte, über den sie nie hinwegkam.

          Das erste Drittel des Films ist dieser namenlosen, schweigsamen Frau gewidmet, von der man annehmen muss, dass sie selbst keine Kinder hat, also keine Mutter ist. Sie ist eines von vier „Kindern“ von Isadora Duncan. Gemeint ist eine Beziehung durch künstlerische Nachfolge, einen körperlichen Vollzug einer Bewegung, die einerseits ganz konkret ist, denn es soll ja der Tanz wieder- aufgeführt werden. Die Bewegung geht allerdings darüber hinaus, denn schon Duncan verstand ihre tänzerische Trauerarbeit als Teil eines weiter reichenden Zusammenhangs. Sie verstand sich als eine Art Medium, das einen Tanz wiederbelebte, der viele Jahre „geschlafen“ hatte und den sie nun mit ihrem Kummer aus der Verborgenheit holte.

          Damien Manivel, der Regisseur von „Isadoras Kinder“, setzt also diese „translatio“ eines Tanzes bis in die Gegenwart fort, und er überträgt sie auch auf die Form seines Films: Es geht nicht so sehr darum, für „La mère“ eine gültige, gegenwärtige Interpretation zu finden. Stattdessen verteilt sich der Tanz auf verschiedene Rollen und Gesten: von der Tänzerin zu Beginn wechselt die Szene zu einer Choreographin, die mit einem Mädchen mit Down-Syndrom für eine Aufführung probt, bei der dann eine alte, schwarze Frau im Publikum sitzt, der Manivel danach auf ihrem Heimweg folgt. Schlägt man nach, findet man heraus, dass Elsa Wolliaston, die diese Rolle spielt, eine bedeutende, interkulturell tätige Choreographin und Tänzerin ist. „La mère“ spielt hier sehr klug mit mythischen Registern: Elsa Wolliaston weckt mit ihrer mächtigen Physis Assoziationen mit anderen Muttergottheiten als der christlichen Madonna.

          Zugleich steht die Figur hier am Ende eines höchst modernen Prozesses von Aneignung und Interpretation, in den Manivel auch die sehr technisch aussehende Notation des Tanzes einbezieht. Das Mädchen Manon wiederum hebt auf seine Weise den Unterschied zwischen einer künstlerischen und einer existentiellen Interpretation von „La mère“ auf.

          „Isadoras Kinder“ gewann 2019 in Locarno einen Goldenen Leoparden für die Beste Regie. Diese Woche sollte er in Deutschland ins Kino kommen, wie alle anderen Starts musste auch dieser abgesagt werden. Der Verleih hat nun eine andere Form der Auswertung gefunden: Auf der Plattform Kino-on-Demand kann man „Isadoras Kinder“ streamen, die Einnahmen werden dabei mit Kinos geteilt, in denen er unter normalen Umständen gelaufen wäre. („Wir haben uns für diesen Weg entschieden, um nicht nur unsere Repertoiretitel ein weiteres Mal zu verwerten, sondern Kinos auch einen Mehrwert mit neuen Titeln zu bieten. Für die Kinos ist die Teilnahme komplett risikofrei“).

          Das ist nun ein Beispiel von vielen, wie sich eine ganze Branche derzeit auf die veränderten Umstände einstellt. Der seit Jahren mit einem exzellenten Programm auffällige Grandfilm-Verleih streamt seinen Katalog auf einer eigenen Plattform, auch hier werden die Einnahmen mit den derzeit stillstehenden Kinos geteilt, zu sehen sind etwa das 16-stündige Opus Magnum „La flor“ von dem Argentinier Mariano Llinás.

          Während die Großfirmen mit ihren Blockbusterstarts stark auf kurzfristige Marktdynamiken angewiesen sind (vor allem auf das Eröffnungswochenende, das oft bereits über das kommerzielle Schicksal eines Films entscheidet), und während die Netflix-Datenübertragungsrate aus Sorge ums Netz in dieser Ausnahmesituation offenbar gedrosselt werden soll, weil hochauflösende Streams, wie es heißt, an die Substanz der Netze gehen; gelten an den Rändern das Kinomarkts andere Auswertungszyklen. Und da nun die Spitzentitel der Kino-Auswertung, von Marvels „Black Widow“ (im Blockbustersegment) bis hin zu Roy Anderssons „Über die Unendlichkeit“ (im Arthouse-Sektor) warten müssen, bekommt ein großartiger kleiner Film wie „Isadoras Kinder“ vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit, als er unter normalen Umstände möglicherweise erlebt hätte.

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