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„Vor dem Frühling“ im Kino : Das Schicksal macht die Pläne

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Die Natur empfängt den Präsidenten: „Vor dem Frühling“ liefert keine historiographische Einordnung, sondern eine Parabel über die vielen Facetten des Nationalismus. Bild: Neue Visionen

Mehr Parabel als Historiendrama: In „Vor dem Frühling“ bleibt Georgiens erstem Präsidenten nur eine Gruppe Unverdrossener, die ihn im Bürgerkrieg durchs Land begleitet.

          Der Präsident hat niemanden, der ihm die Aktentasche trägt. In Mantel und Anzug, mit Krawatte und Seidenschal, schlägt sich Zviad Gamsakhurdia durch die georgischen Berge. Manchmal muss er auf notdürftigen Holzbrücken einen wilden Bach überqueren, ein anderes Mal zu Fuß durch einen Fluss, die Würde verbietet es, dass er die Hose auszieht. Immerhin achtet er darauf, dass die Tasche trocken bleibt. Er hat wichtige Papiere bei sich, mutmaßlich ist es die Ausfertigung seiner Vollmachten. Gamsakhurdia war der erste Präsident in Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion. In dem Film „Vor dem Frühling“ von George Ovashvili ist von seinem Amt nicht viel mehr geblieben als eine kleine Gruppe von Unverdrossenen, die den Präsidenten durch das Land führen, von einem Notquartier zum nächsten, in abgelegenen Tälern und zu Füßen der schneebedeckten Berge.

          Die Unabhängigkeit muss sich erst erweisen

          In Tiflis herrscht eine „Junta“, das Land befindet sich in einem Bürgerkrieg, in dem es auch darum geht, wie sich das künftige Verhältnis zur Sowjetunion gestaltet. Die heißt zwar jetzt Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, aber das mit der Unabhängigkeit muss sich erst genauer erweisen. Der Konflikt, den Russland in den letzten Jahren der Ukraine aufzwang und davor auch schon Moldau hat Analogien in den Jahren unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Diese Zeit überbrückt George Ovashvili mit seinem Film, ohne dass er es auch nur im mindesten auf Aktualitätsbezüge anlegt. Es ist sogar bis zu einem gewissen Grad fraglich, ob er es auf Vergangenheitsbezüge anlegt. Denn das Bild, das er von Zviad Gamsakhurdia zeichnet, zielt nicht auf historiographische Einordnung, sondern eher auf die Prozesse der Legendenbildung. Und auch auf dieser Ebene bleibt noch ein wenig unklar, ob Ovashvili selbst eine Legende erzählen will oder ob er mit seinem auf das Allernötigste reduzierten Film nicht eher eine Parabel über Legitimität und Exil und über die vielen Facetten des Nationalismus erzählen wollte.

          Was von der Macht übrig blieb: Ein paar Gestalten im Schnee

          Der iranische Star Hossein Mahjoub spielt den Mann, den alle immer nur mit seinem Titel ansprechen: „Herr Präsident“, oder, an einer Stelle, „Genosse Präsident“. Das ist dann schon eine Invektive, in der sich die Niederlage abzeichnet. Zu Beginn findet die Entourage des Präsidenten immer noch das eine oder andere Haus, in dem sie gastfreundlich aufgenommen werden. Der Präsident tauscht vielsagende Blicke mit den jungen Frauen aus, einmal singt ein Mädchen mit zittriger Stimme ein patriotisches Lied über „Mein geliebtes Land“. Als die Männer tanzen, wird die Stimmung durch eine Nachricht verdorben: Soldaten der Junta befinden sich in der Gegend. Für den Präsidenten stellt sich bald nurmehr die Alternative, das Land zu verlassen oder sich nur immer noch weiter in die Schluchten zurückzuziehen.

          Man könnte ein bisschen an Che Guevara denken oder an vergleichbare Guerrilla-Führer. Aber bei George Ovashvili trägt der Präsident seine Waffe nur für den Notfall bei sich: Er möchte auf keinen Fall in die Hände seiner Gegner fallen. In einer der besten Szenen träumt Gamsakhurdia von seiner Wiedereinsetzung. Ein Hubschrauber bringt ihn zurück, aber als er aussteigt, findet er sich tief im Morast wieder, so dass er mit schmutzigen Schuhen über den Teppich gehen muss. Die Menschen, die für ihn Spalier stehen, rufen ihn „Judas“.

          In diesem Traum steckt eine Art Mandat, das aber verschlüsselt bleibt. Der historische Gamsakhurdia war eine zwiespältige Figur, ein Nationalist, der Georgien so wiederaufrichten wollte, dass viele Bewohner des ethnisch stark heterogenen Landes ausgeschlossen geblieben wären. George Ovashvili muss geahnt haben, dass er auf dieser Ebene nur in Schwierigkeiten geraten würde. Deswegen entkleidet er den Präsidenten aller Anzeichen von konkreter Politik.

          Stattdessen interessiert er sich für das melancholische Charisma, das Hossein Mahjoub dieser Figur verleiht. Immer kleiner wird der Trupp, der ihm folgt, irgendwann muss sogar der Premierminister zum Holzsammeln in den Wald. „Das Schicksal macht die Pläne“, sagt der Präsident schließlich. Diese Emigration aus der Politik in die Poesie, aus einem Bürgerkrieg in eine Pilgerschaft an einen unausweichlichen Punkt der existentiellen Entscheidung, das ist es wohl, worum es Ovashvili geht.

          Über die genauen Umstände des Todes von Zviad Gamsakhurdia herrscht bis heute Unklarheit. „Vor dem Frühling“ präsentiert dazu keine Hypothese, sondern ein Sinnbild. Man wird diesem Film am ehesten gerecht, wenn man ihn als Wunschbild sieht: Eine historische Figur geht hier in einer Idealgestalt auf, der es am entscheidenden Faktor in der politischen Auseinandersetzung fehlt. Der Präsident hat keine Macht, und er verliert zunehmend an Legitimität. George Ovashvili lässt den ersten georgischen Präsidenten in einen Mythos auferstehen, den man als Absage an den Machtpolitiker Gamsakhurdia lesen kann. Aber nur so wird er zu einer Figur, auf die sich ein modernes Georgien beziehen könnte.

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