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Familiendrama „El Clan“ im Kino : Für Verschwundene gibt es kein Lösegeld

  • -Aktualisiert am

Eine schwere Last: Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) legt seinem Sohn Alex (Peter Lanzani) die Hände auf die Schultern. Bild: Prokino

Was wird aus den Profiteuren einer Diktatur, wenn das System zerfällt? Pablo Traperos Familiendrama „El Clan“ zeigt den schockierenden Alltag unter amoralischen Verhältnissen.

          „Papa ist wahnsinnig.“ Zu diesem Schluss kommt Guillermo, einer der Söhne von Arquímedes Puccio, nachdem er sich lange Zeit die Geschehnisse im Haus der Familie angesehen hat. Er schnürt sein Paket, bucht einen Flug, wohin, das wird sein Bruder nicht erfahren, der ihn vor dem Gate zwar noch zu fassen bekommt, aber nicht mehr umstimmen kann. Guillermo haut ab, er will sich lieber selber durchbringen, als noch länger Teil eines Familienunternehmens zu sein, das sich auf Entführungen spezialisiert hat.

          Er verlässt eine traditionelle argentinische Familie, mit dem weißhaarigen Arquímedes als Oberhaupt, zwei Töchtern und zwei Söhnen. Eigentlich sind es drei, aber einer markiert eben immer diese Lücke, die das schlechte Gewissen schlägt. Die Leerstelle von Guillermo bleibt nicht lange leer, denn unvermutet kommt ein anderer Bruder aus Neuseeland zurück. Maguila stürzt sich mit Elan in das brutale Business, als hätte seine lange Abwesenheit nichts mit Skrupeln zu tun gehabt. Er ist ein Handlanger, während sein Vater die Grausamkeiten hinter einer meist kühlen, freundlichen Erscheinung kaum spüren lässt.

          Es ist in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Familiengeschichte, die Pablo Trapero in „El Clan“ erzählt. Sie kreist um einen Begriff, der für die jüngere Geschichte Argentiniens zentral ist: Es geht um „Verschwundene“, „desaparecidos“. 1983 wurde die Militärdiktatur überwunden, zu deren System es gehörte, Menschen einfach aus dem Verkehr zu ziehen, zum Verschwinden zu bringen.

          Über dem offenen Meer entsorgt

          1983 ist auch das Jahr, auf das Trapero die Saga von „El Clan“ zulaufen lässt – das historische Datum verknüpft sich mit einer anderen Perspektive auf diese Zeit, einer popkulturellen, einer alltagsgeschichtlichen. Als der Patriarch Arquímedes (faszinierend gespielt von Guillermo Francella) zu Beginn einmal das Wort „desaparecido“ verwendet, als von Maguila die Rede ist, könnte man für einen Moment noch meinen, die Sache mit Neuseeland wäre nur eine Sprachregelung, der Sohn wäre in Wahrheit auch in den Verliesen des Regimes verschwunden und vielleicht über dem offenen Meer entsorgt worden, wie es damals üblich war.

          Doch das kriminelle Unternehmen der Puccios kann nur funktionieren, weil es „von oben“ gedeckt ist, weil es Protektion genießt. Ein „Kommodore“ ist die nächste Instanz, er gehört zum inneren Zirkel der Macht, die gerade zu bröckeln beginnt. Pablo Trapero hält die zeitgeschichtlichen Ereignisse präsent, auf einem der kleinen Fernsehgeräte, die damals üblich waren. Auch die Puccios sitzen abends auf der Couch und schauen zu, die jüngere Tochter ist die Einzige, die lange keine Ahnung davon hat, dass sich im Keller hinter den Weinregalen eine geheime Kammer befindet, in der eine Frau gefangen gehalten wird. Ihre Verwandten sind allerdings nicht bereit, um jeden Preis ein Lösegeld zu zahlen. Aber das ist nur noch ein Detail. Die Puccios sind fällig.

          Der Lieblingssohn wird herumgereicht

          Starke Väter haben häufig einen Lieblingssohn, das ist auch hier so. Der Wuschelkopf Alejandro, Alex gerufen, genießt nicht nur das Vertrauen seines Vaters, er ist allgemein beliebt, auch deswegen, weil er ein herausragender Rugbystar ist. Bei den großen Familienereignissen, mit denen „El Clan“ beginnt, wird er herumgereicht, man sieht eine urbane Mittelschicht, die nach den neuesten Moden gekleidet ist.

          Dass es sich überwiegend um Profiteure des Regimes handelt, ist eine Implikation, die sich erst allmählich einstellt. Alejandro trägt den zentralen Konflikt des Films mit sich aus. Er soll einmal den Betrieb übernehmen, das heißt in diesem Fall aber eben nicht nur, dass er mit dem Lösegeld einen Surferladen aufmachen kann, sondern dass er nachts noch auf das Motorrad steigt, um zu einer Übergabe zu fahren. Alex ist in seiner Rolle gefangen, umso stärker, als die Opfer der Entführungen ihm persönlich bekannt sind. Es trifft auch Spieler der Pumas, seines Rugbyteams. Alex höchstpersönlich muss ihnen die Falle stellen und dann ohnmächtig dabei zusehen, wie Arquímedes und seine Kumpane das Opfer nicht freilassen, sondern töten und einfach irgendwo ablegen.

          Folter und Liebe - untermalt von einem Sommerhit

          Der Wahnsinn des Vaters wird nur allmählich erkennbar, er kehrt morgens die Blätter vor dem Laden weg, als wäre er ein typischer Vertreter des Kleingewerbes, ein rechtschaffener Mann, der sich nichts vorzuwerfen hat. Dabei ist ihm alles daran gelegen, „der Größte in der Szene“ zu werden. Ihm entgeht dabei nur, das sich die „Szene“ längst verändert hat.

          Pablo Trapero hat mit „El Clan“ nicht einfach politische Geschichte in das Gewand eines Mafiathrillers geschlagen. Es geht ihm offensichtlich um jene Grauzonen, aus denen der Alltag in einer Diktatur häufig besteht. Manchmal leuchtet er diese Grauzonen ein wenig zu deutlich aus, wenn er in Parallelmontage zeigt, wie Alex sich mit seiner neuen Freundin vergnügt, während der Vater einen seiner Teamkollegen foltert, alles untermalt von einem Sommerhit des Jahres 1983 aus dem Radio. Die Inflation, von der zwischendurch auch einmal in einem Medienbericht die Rede ist, ist auch eine der moralischen Gewissheiten. „El Clan“ erzählt davon auf eine schockierend alltägliche Weise, bis Alejandro schließlich doch noch Konsequenzen zieht – in einer spektakulären Schlussszene, für die allein es schon lohnt, sich dem Wahnsinn des Arquímedes Puccio auszusetzen.

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