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Ian McEwans „Am Strand“ im Kino : Das Drama in ihrem Gesicht

Die beiden Protagonisten Florence Ponting und Edward Mayhew. Der Film kommt am 21. Juni in die Kinos. Bild: dpa

Endlich geht die Verfilmung eines Romans von Ian McEwan mit ihrer Vorlage auf Augenhöhe um. Dominic Cooke findet das traurigste Bild, das in den letzten Jahren im Kino zu sehen war, und zugleich eines der schönsten.

          Es gibt viele Dinge, die einen Film unvergesslich machen: ein Flughafen im Nebel, eine brennende Stadt, ein Klavier im Urwald, ein Schiff, das über einen Berg gezogen wird, ein Schnitt durch ein Auge, ein abgerissenes Ohr, ein Ritt auf einem Hexenbesen, ein Zweikampf in einem Lavakrater. Lauter Momente, in denen sich das Kino zusammenzieht auf das, was es ist, kein Roman, kein Theater, kein Reisebericht mit Spielhandlung, sondern ein Bild, das alles bedeuten kann. Alles und nichts.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Dominic Cookes Film „Am Strand“ ist es ein Strand. „On Chesil Beach“ heißt der Roman von Ian McEwan, nach dem der Film entstand, und deshalb ist die Lagune von Chesil das Erste, was man sieht, ein langer Streifen Brackwasser, geschützt von einem natürlichen Kieseldamm, davor grüne Hügel mit Krüppelkiefern, dahinter das Meer. Ein erdgeschichtliches Kuriosum, Vogelschutzgebiet, Unesco-Weltnaturerbe und Teil der Juraküste von Dorset, die hier zu einer Landzunge vorspringt, vor der die Isle of Portland liegt, Schauplatz der ersten Wikingerinvasion ins Reich der Angelsachsen.

          Dann eine Einblendung: „1962“. Ein junges Paar läuft den Kieselstrand entlang. Sie reden über Rockmusik, über Rhythmus und Akkorde, der Mann gibt den Ton an, aber die Frau hält dagegen, man spürt, dass es um etwas anderes geht hinter den Worten. Sie trägt ein blaues Kleid, er einen dunklen Anzug, und dann sieht man, im Gegenschnitt, ein Hotel im Hintergrund, auf das die beiden zugehen. Jetzt reden sie über die Trauung, die hinter ihnen liegt, und über ihre Familien, die sie ebenfalls hinter sich haben, und man begreift, dass dies die Hochzeitsreise der beiden ist, eine Fahrt nach Chesil Beach, in ein Hotel am Strand, an einen Ort mit grünen Hügeln und Kies. Und man fragt sich, was dabei schiefgehen soll.

          „In einem kleinen Auto, das der Mutter von Florence gehörte, waren die Frischvermählten davongefahren und am frühen Abend im Hotel an der Küste von Dorset angekommen. Es regnete nicht, doch fand Florence es auch nicht warm genug, um auf der Terrasse vor dem Haus zu essen, was sie eigentlich gern getan hätten. Edward war anderer Ansicht, aber viel zu rücksichtsvoll, als dass er auch nur daran gedacht hätte, ihr zu widersprechen, schon gar nicht an diesem Abend.“ So hat es McEwan beschrieben, mit einer Sprache, deren Glanz – wie überall in seinen neueren Romanen seit dem Triumph von „Abbitte“ – einen ganz leichten Stich ins Überhebliche hat, eine kühle Lockerheit, die sich nur eine Handbreit über ihre Figuren erhebt; aber diese Handbreit ist entscheidend. Und so würde es ein beflissener McEwan-Verehrer auch verfilmen.

          Bei Dominic Cooke aber sieht man etwas ganz anderes. Man sieht, wie die Zimmerkellner, denen draußen auf dem Flur der Rotwein aus der Hand gerutscht ist, die angebrochene Flasche mit Leitungswasser auffüllen; wie Edward mit ihnen herumzackert, bis die Gardine vor dem Fenster genau die richtige Menge milchigen Lichts in den Raum hereinlässt; wie die Kellner grinsen, als er den Rotwein lobt, und auf dem Flur feixen, nachdem er sie hinausgeschickt hat; und wie der Fuß des jungen Mannes und die Knie der jungen Frau während der Vorspeise – es gibt Honigmelone, danach Roastbeef, Gemüse und Kartoffeln – unter dem Tisch leise zittern. Da beginnt man, Angst um die beiden zu haben.

          Paradies und Hölle in einem

          Wer den Roman gelesen hat und weiß, wie die Geschichte ausgeht, kann die Leichthändigkeit genießen, mit der Cooke, der bislang nur als Theater- und Fernsehregisseur gearbeitet hat, und sein Kameramann Sean Bobitt den Bewegungen der Vorlage folgen, die satten und doch nie kataloghaften Farben, in denen sie die englische Landschaft malen, die Gelenkigkeit ihrer Bilder, das Gespür für atmosphärische Nuancen und scheinbar überflüssige Requisiten (etwa den alten Strick, der neben einem leeren Fischerboot liegt, als die Liebe dabei ist, sich selbst zu erwürgen).

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