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Jürgen Prochnow wird 80 : Aus Hollywood zurück nach Berlin

Das Alter steht ihm gut: Jürgen Prochnow Bild: dpa

Als Kapitänleutnant in „Das Boot“ wurde Jürgen Prochnow berühmt und ging nach Los Angeles, wo er sich als Schauspieler erfolgreich etablierte. In seinen späten Jahren zog es ihn zurück nach Berlin.

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          Jürgen Prochnow ist gelegentlich mit dem gut zehn Jahre älteren Clint Eastwood verglichen worden. Sicher, beide Schauspieler zeigen bevorzugt ein Pokerface, ihre Mimik ist minimalistisch. Doch sonst trägt der Vergleich nicht weit: Die markanten Züge des Deutschen um die glasklaren blauen Augen sind die entscheidende Spur weicher, verhangener auch, und seine Narben scheinen Ausdruck vor allem von inneren Verletzungen zu sein. Wenn er ein kurzes Lächeln andeutet, schwingt darin eine Melancholie mit, die man in Eastwoods harter, mitunter erbarmungsloser Trauer nicht findet.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Andeutung eines solchen Lächelns zeigt Prochnow in der Rolle des Kapitänleutnants Lehmann-Willenbrock in Wolfgang Petersens Kinofilm und Fernsehserie „Das Boot“, wenn das von ihm kommandierte U96 den Wasserbomben des Feindes noch einmal glücklich entkommen ist. In Prochnows „Kaleun“ verband sich väterliche Fürsorglichkeit für die todgeweihte Mannschaft mit dem pflichtbewussten Fatalismus eines Offiziers, der den Krieg als verloren erkannt hat. In der Rolle seines Lebens agierte er mit einem gebrochenen Charisma, das keinen Zuschauer gleichgültig ließ.

          Das „Boot“ von 1981 hat in der Laufbahn vieler der beteiligten Schauspieler für Beschleunigung gesorgt, doch nur Prochnow führte der weitere Weg in internationale Sphären. Es zog ihn nach Hollywood, wo er in wichtigen und bemerkenswerten, mitunter auch in bemerkenswert gescheiterten Filmen mitspielte, man denke nur an „Dune“ von David Lynch. Es blieb ihm nicht erspart, klischeehaft besetzt zu werden, bevorzugt als Bösewicht und als Soldat. Mit den Jahren wurden die Filme, in denen er mitwirkte, nicht besser. Er trug es mit Fassung. Jede Minirolle in Hollywood sei interessanter als ein Hauptpart in einer deutschen Komödie, soll er einmal gesagt haben. Wohl wahr.

          Die Frage ist, ob es nicht einen dritten Weg gegeben hätte. Mit Prochnows Wechsel nach Los Angeles endete jedenfalls vorzeitig eine verheißungsvolle Karriere im Neuen Deutschen Film, in deren Verlauf er seine Vielseitigkeit hatte zeigen können: In „Die Konsequenz“ war er ein homosexueller Schauspieler, in „Die Verrohung des Franz Blum“ ein kleinbürgerlicher Gefängnisinsasse, und in „Einer von uns beiden“ spielte er einen erpresserischen Studenten, der sich mit einem Soziologieprofessor duellierte, dargestellt von Klaus Schwarzkopf. Als Kommissar und Tatverdächtiger hatten beide zuvor schon Petersens Tatort „Jagdfieber“ eine Eindringlichkeit gegeben, die übers Fernsehen hinauswies.

          Was Prochnow vor der Kamera zeigen und andeuten konnte, baute auf einer soliden Ausbildung auf. Er hatte in Düsseldorf zunächst eine Banklehre absolviert, um den Vorstellungen eines bürgerlichen Elternhauses Genüge zu tun, und anschließend doch die Schauspielschule besucht. Danach machte er eine beachtliche Theaterkarriere, wurde für Hauptrollen wie den Franz in Schillers „Räubern“ besetzt und ging 1972 zu Peter Zadek ans Bochumer Theater.

          Trotz der langen Jahre, in denen Prochnow in Brentwood in Los Angeles lebte, ist er nicht zum Amerikaner geworden, anders als Arnold Schwarzenegger, den er einmal in einer TV-Biographie gespielt hat. Im Jahr 2017 hat er sich schließlich entschieden, nach Deutschland zurückzukehren und häufiger im Fernsehformat aufzutreten. Das Alter, das ihm erwartungsgemäß gut steht, hat ihm noch einmal tragende Rollen in Kinofilmen mittlerer Bedeutung beschert, etwa im Familiendrama „Leanders letzte Reise“ von 2017, in dem er einen zweiundneunzigjährigen ehemaligen Wehrmachtsoffizier spielt, der in die Ukraine reist, um nach der Liebe seines Lebens zu suchen. An diesem Donnerstag wird Jürgen Prochnow, der inzwischen wieder in seiner Geburtsstadt Berlin und am Gardasee lebt, achtzig Jahre alt.

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