https://www.faz.net/-gqz-9dtzg

Eröffnungsfilm in Venedig : Apollos längster Atemzug

Kein schlechter Film: Ryan Gosling als Neil Armstrong Bild: Universal

Damien Chazelles Astronautendrama „First Man“ eröffnet die Filmfestspiele von Venedig als Männlichkeitsmeditation. Die Ära weltweiter Sozialbeben der sechziger Jahre bleibt außen vor.

          Der Pilot bricht durch die Wolken; das Blau darüber ist nicht freundlich und friedlich, sondern fremd wie ein vergessener Traum, an den man sich krampfhaft zu erinnern sucht. Was hier verkrampft, heißt Technik: Ein Höllenlärm umgibt den Piloten, er keucht und ächzt, fast verschluckt er sich am Japsen, denn sein Fahrzeug prallt beim Wiedereintrittsversuch von der Atmosphäre ab wie ein fliegender flacher Stein vom Wasserspiegel.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film hat seine liebe Not damit, zu zeigen, worum es ihm geht, dafür kann man es hören, als Atemnot. Immer wieder müssen Ryan Goslings Atemgeräusche die ganze Schauspielarbeit leisten und vom Unwillkürlichen, verräterisch Menschlichen zeugen, weil der Astronaut Neil Armstrong, den Gosling in Damien Chazelles Film „First Man“ spielt, seine bewussten Worte und Gesten anders als diese Atemzüge und -stockungen viel zu bedacht und spärlich von sich sprechen lässt. Der Mann wäre gar keine Figur, keine Rolle, wenn seine Dialogsätze allein sagen müssten, was er zu sagen hat.

          Als aber sein kleines Töchterchen an Krebs gestorben ist, übertrifft sich der Schauspieler, von dem die Kritik oft gesagt hat, er übertreibe den Minimalismus mitunter bis zur Ausdruckslosigkeit, in einer Szene selbst, die zäheste Skeptiker rumkriegen dürfte: Er braucht sehr lange vom leisen Schnaufen zum Weinen, es ist, als suche er nach den Tränen wie nach einem verlegten Schlüssel, und als er sie gefunden hat, geht der Moment auf wie eine schwere Tür, und man sieht den Mann ganz.

          Claire Foy rettet „First Man“ vor der geschlechterpolitischen Nostalgiefalle

          „First Man“ ist ein oft sentimentaler, manchmal vom eigenen Pathos beinah zu Boden gezogener Film, aber kein schlechter. Als Eröffnungsvorstellung eines Festivalwettbwerbs, bei dem der Fortschritt so weit gediehen ist, dass unter fast zwei Dutzend Beiträgen einer sogar von einer Frau inszeniert wurde (Autofahren und Wählen dürfen Frauen ja in immer mehr Ländern, und sogar von Astronautinnen hat man gehört, also warum nicht?), ist „First Man“ das Werk mit dem passenden Titel.

          In der Epoche, in der Chazelles langer Anlauf zur Apollo-11-Mondmission spielt, war die Leiblichkeit, die sein Star Ryan Gosling ins Kino mitbringt, der filmheroische Normkörper: weiß, männlich, bürgerlich, kein Kind mehr und noch kein Greis, im Rahmen des Schicklichen interessiert an heterosexuellen Frauen.

          Seine Filmgattin Janet aber, mit hypnotisch effektiver Zurückhaltung verkörpert von der phänomenalen Claire Foy, rettet „First Man“ vor der geschlechterpolitischen Nostalgiefalle, in die Chazelle sich ehrenhafterweise absichtlich begibt, um nach einem Ausweg zu suchen: Sie soll den Helden stützen und seine Kinder erziehen, weil es mehr für eine Frau in der von diesem Film nacherzählten Welt nicht zu tun gab; die Trennung ihrer häuslichen Reproduktionsarbeit von seinem angestellten Abenteurerleben jedoch wird im Lauf von „First Man“ zunehmend zum eigentlichen Thema der Veranstaltung, weil der Regisseur seinen Plot eben in der Gegenüberstellung von Heim und All aufzieht.

          Damit erst gelingt dem Film, was jedes Biopic wollen sollte und die wenigsten schaffen – er wird eine Übung in Menschengeschichte, eine Einbettung von Lebensstationen berühmter Leute in die Abfolge der Fort- und Rückschritte unserer Gattung.

          Ein Jahr vor Beginn der Story, die „First Man“ erzählt, beklagte der frischgewählte Präsident John F. Kennedy in der Bewegungs- und Gliederästhetikzeitschrift „Sports Illustrated“ die Verlotterung seiner Landsmänner: „Unsere historischen Kämpfe gegen Aggressoren in der Geschichte haben wir auf den Spielplätzen und Eckhöfen und Feldern Amerikas gewonnen. Unsere zunehmende Weichheit, unser wachsender Mangel an körperlicher Fitness, ist eine Bedrohung unserer Sicherheit.“

          Es war das regierungsamtliche Echo eines anderen, älteren Textes im Magazin „Life“ namens „Die Sechziger: Jahrzehnt des Menschen im All“, wobei „Mensch“ hier auf Englisch „man“ hieß und davor gewarnt wurde, „die Energien, die Amerika zu wahrer Größe gebracht haben, scheinen in letzter Zeit abzuebben“.

          Nichts als Weltraum

          Die Sechziger wurden dann nicht nur das Weltraumzeitalterchen (der Diminutiv sagt, dass wir Menschen weiter als damals, nämlich zum Mond, seither nicht gelangt sind), sondern vor allem die Ära weltweiter Sozialbeben in den industrialisierten Gesellschaften, wie man in Neil M. Mahers großartigem Buch „Apollo in the Age of Aquarius“ nachlesen kann, einer sozialgeschichtlichen Studie aus dem Jahr 2017, die das Mondlandeprogramm an diesen Beben misst, von der Bürgerrechtsbewegung der Frauen bis zu derjenigen der Schwarzen.

          Chazelles Film deutet das allerdings nur an, zum Beispiel in einem zornigen Monolog, in dem Frau Armstrong, der man das Funkgerät gesperrt hat, das ihr erlaubt, mitzuhören, was ihr Mann mit dem Kontrollzentrum beredet, die Technokraten zur Rechenschaft zieht, indem sie ihnen vorhält, dass ihre Vorstellung von Materialbeherrschung, ihr Besserwissen und Besserkönnen nur ein paar fixe Ideen von Jungs seien, die mit Modellen spielen.

          Sporadische Einordnung ins Zeitgeschehen

          An einer anderen klugen Selbstkommentarstelle des Films trägt ein schwarzer Schauspieler Gil Scott-Herons großes Gedicht „Whitey on the Moon“ vor, das davon handelt, dass Armstrongs schwarze Landsleute ihre Miete, ihre Arztrechnungen, ihren Strom nicht bezahlen können, während die Weißen auf dem Mond herumspazieren. Der Schriftsteller Kurt Vonnegut kommt mit einer Originaleinspielung seiner Zweifel an der Erlösung durch Technik zu Wort.

          Einordnung ins Genre des Raketenfilms: nur ein paar fixe Ideen von Jungs, die mit Modellen spielen.

          Einen Anspruch auf Ausgewogenheit in der Sachbewertung erhebt Chazelle damit nicht; sonst hätte er Arthur C. Clarke oder Robert A. Heinlein auf Vonnegut erwidern lassen, was sie damals erwiderten. Aber mit solchen Stellen liefert er einen Kontext nicht nur fürs Luftholen und Wahrheitsseufzen von Ryan Gosling, sondern für das Genre des Raketenfilms insgesamt, von „Destination Moon“ (1950) bis „Apollo 13“ (1995). Die Verschwörungswirrköpfe, die glauben, die Mondlandung habe nie stattgefunden und sei nur ein Film gewesen, haben fast recht: Sie ist viele Filme, und alle haben mehr zu sagen als der nackte, faktische Fernreiserekord allein je bedeuten könnte.

          Weitere Themen

          Der wahre Preis der Dinge

          Protest in Frankreich : Der wahre Preis der Dinge

          Dass viele Franzosen sich das Recht auf den Aufstand nehmen, ist klar. Aber geht es nur um die Wut der Verlierer aus der Provinz – oder um die erste „liberale Revolution“?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Protest in Frankreich : Der wahre Preis der Dinge

          Dass viele Franzosen sich das Recht auf den Aufstand nehmen, ist klar. Aber geht es nur um die Wut der Verlierer aus der Provinz – oder um die erste „liberale Revolution“?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.