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„Cry Macho“ im Kino : Wie zähmt man einen Cowboy?

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Wahlfamilientherapie am Rand der Wüste braucht die sichere Hand: Eduardo Minett, Natalia Traven und Clint Eastwood (von links) klären ihre Schwierigkeiten Bild: AP

Seit Jahren wird jede Rolle, die der große Clint Eastwood spielt, als seine möglicherweise letzte betrachtet. Im Film „Cry Macho“ kommt wieder mal eine sehr schöne dazu. Und diesmal lernt Eastwoods Charakter sogar etwas Neues.

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          Ein Satz, den man von Clint Eastwood immer schon einmal hören wollte: „Diese Macho-Sache wird überschätzt.“ Wahre Männlichkeit zeigt sich anders, und es ist nur folgerichtig, dass der Macho in dem Film „Cry Macho“ nicht Eastwood ist, der mit bald 92 Jahren weiter an seiner Verfeinerung von Männlichkeitsidealen arbeitet. Der Macho ist ein Hahn. Ein Kampfhahn, soviel muss sein.

          Viel hat der Hahn nicht zu tun, an einer entscheidenden Stelle aber muss er eingreifen. Eastwood spielt einen alten Rodeo-Reiter namens Miko Milo, der nicht zu Pferd, sondern in einem alten Auto nach Mexiko aufbricht, um dort einen Jungen zu finden. Er soll für einen Freund und Geschäftspartner dessen Sohn Rafa über die Grenze holen. Einmal Mexiko, hin und zurück. Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Denn dieser Rafa lebt auch nicht bei der mexikanischen Mutter, wie vielleicht anzunehmen wäre. Er hat sich mit 14 schon von seinen Eltern emanzipiert, die ihm beide nicht die Zuwendung gegeben haben, die sich für ein Kind gehört. Auch nicht die Erziehung. Rafa ist „ein Monster“, bekundet die Mutter zynisch. Sie ist eine reiche, schöne Frau. Sie scheint in Eastwood noch das Sexsymbol zu sehen, das der jedenfalls einmal war.

          Er hat noch einen Job zu erledigen

          Denn sie versucht, Mike Milo zu verführen. Der entschuldigt sich mit einer klassischen Cowboy-Ausrede: er hat noch einen Job zu erledigen. Der Western ist das Genre, in dem die richtigen Männer immer wissen, was sie zu tun haben. „A man’s gotta do, what a man’s gotta do.“ Die Tautologie ist die Logik der Männer, die sich nicht zu Machos aufplustern müssen. „Cry Macho“ ist ein Western mit Autos. Milo findet Rafa im Milieu der Hahnenkämpfer, und macht ihn mit dem Versprechen neugierig, er könnte in Amerika ein „besonderes Pferd“ bekommen. Die Aussicht auf ein Leben auf einer Ranch, auf den Umgang mit den starken Tieren, ist zumindest so verlockend, dass Rafa seinen Widerstand aufgibt. Der Rückweg, die Fahrt in Richtung amerikanische Grenze, erweist sich jedoch als schwierig. Denn sein Auftraggeber hat Mike nicht vollständig in die Implikationen dieser halben Kindesentführung eingeweiht. Und so wird der eine oder andere Umweg nötig, um Verfolgern auszuweichen oder der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Zudem muss Mike das Vertrauen von Rafa gewinnen, für den Argwohn zu einer zweiten Natur geworden ist. Das ist der Stoff, aus dem sich ein klassisches, elegisches Roadmovie machen lässt, wie es für jemand wie Eastwood in seinem Alter geradezu ideal ist. Er muss nicht mehr groß Gas geben, es steht ihm besser an, wenn er das Leben an sich vorbeifließen lässt, und sich dieser Bewegung angleicht. So gilt hier auch die alte Weisheit: der Weg ist das Ziel.

          „Diese Macho-Sache wird überschätzt“: Clint Eastwood als ehemaliger Rodeo-Reiter
          „Diese Macho-Sache wird überschätzt“: Clint Eastwood als ehemaliger Rodeo-Reiter : Bild: AP

          Der Roman von N. Richard Nash, der als Vorlage dient, erschien 1975 und wurde schnell als vielversprechend für eine Kino-Adaption erkannt. Allerdings zerschlugen sich dann im Lauf der Jahre viele verschiedene Versuche, mit Stars wie Roy Scheider oder Arnold Schwarzenegger zu einer Verfilmung zu kommen.

          Stattdessen gab es 1993 einen sehr erfolgreichen Film ähnlichen Zuschnitts: „Perfect World“ mit Kevin Costner, dort war allerdings der Entführer, der mit einem Jungen auf der Flucht vor der Polizei durch die Gegend fährt, derjenige, auf dessen Menschwerdung alles hinauslief. Eastwood war damals der Cop, der hinter Costner herfuhr. In „Cry Macho“ bewegen sich Mike und Rafa auch aufeinander zu, sie brauchen dazu nur ein paar Momente der Ruhe. Die finden sie in einem Dorf in der mexikanischen Wüste, in dem sie zuerst einmal eine Nacht in einer Kirche verbringen, die eigentlich der heiligen Jungfrau gewidmet ist. Der eher pragmatische als blasphemische Akt wird ihnen auch nicht krumm genommen, im Gegenteil erweist sich eine attraktive Witwe namens Marta als sehr gastfreundlich. Sie weiß auch, wie man mit Mike als Frau umgehen muss. Nicht draufgängerisch, sondern geduldig. Ein Cowboy braucht erst einmal Zeit für seine Pferde, erst später braucht er dann etwas Vernünftiges zu essen, und dann kann man darüber reden, wo er sein Nachtlager aufschlagen wird. Mike findet in dem Kaff tatsächlich Pferde, es trifft sich gut, dass das Auto einen Defekt hat, der sich nicht so schnell beheben lassen wird. Und Rafa, der Wilde, findet als Reiter zum ersten Mal ein bisschen Frieden. Wer, wie Mike, „gut mit Tieren“ ist, ist auch der bessere Erzieher.

          Für Clint Eastwood ist dieser Mike Milo eine weitere von nun schon einer ansehnlichen Reihe von letzten Rollen, denen er immer wieder noch eine weitere hinzufügt. Man kann schön darüber streiten, wann sein Spätwerk begonnen hat. „Gran Torino“ aus dem Jahr 2008 bietet sich als eines seiner Meisterwerke an. „Cry Macho“ macht aber deutlich, dass man eigentlich bis zu „The Bridges of Madison County“ zurückgehen kann, also bis Mitte der 90er Jahre, als er auf die 70 zuging. Das Bild, das er damals abgab, ein begossener Liebhaber im strömenden Regen, ein melodramatisch Verzichtender, war die markanteste Dekonstruktion seines Männerimages, das er sich in den Italo-Western oder als Cop Dirty Harry aufgebaut hatte.

          Mit seinem Ethos der Autarkie hat er im amerikanischen Kino eine einzigartige Position erreicht. Seine Filme kosten nicht viel, die Musik macht er mit seinen berühmten kargen Akkorden oft auch gleich selbst, auch erzählerisch reicht meistens das Notwendigste. Er hat einen Hang zum Sentimentalen, der aber nie überhandnimmt.

          Und er ist meilenweit entfernt von der Ironie, mit der andere Helden von einst einen zweiten Frühling suchen, auch wenn er sich mit „Space Cowboys“ einmal auf so einen Spaß eingelassen hat. „Cry Macho“ hat keinerlei Ambitionen, das Männerkino neu zu erfinden. Es geht einfach darum, den Strom von Geschichten, die sich mit dieser hageren Gestalt mit der markant hohlen Stimme verbinden, nicht abreißen zu lassen. Eastwood ist keineswegs gefeit vor den Polarisierungen, die in der amerikanischen Gesellschaft auch dazu führen, dass Männer sich ständig als richtige Männer beweisen müssen. Er hat sich in Wahlkämpfen lächerlich gemacht, und es war ihm egal. Als Star, als Mann, als Erzähler transzendiert er das alles, und fast schon ein bisschen auch sich selbst, und so muss es nur passend erscheinen, dass Mike Milo in „Cry Macho“ seine Bestimmung jenseits der Grenze findet, die früher in einem Showdown bestimmt wurde. Die heilige Jungfrau muss ihm irgendwie gewogen sein.

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