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„Cosmopolis“ von David Cronenberg : Ein Mutant geht um

Aus der Welt des Kunsthandels in die Welt des Gunsthandels gefallen: Juliette Binoche, nach vollzogenem Beratungsgespräch allein im Fond des Fondshändlers Bild: dpa

Ein Weg ohne Ziel: In David Cronenbergs „Cosmopolis“  führt Geld Selbstgespräche hinter getönten Scheiben. Bleibt von seinem Film am Ende noch mehr außer Distanz?

          3 Min.

          Eine überlange Limousine ist das Fahrzeug, das einem in Manhattan am wenigsten weiterhilft. Sie kommt kaum um die Ecken, blockiert Kreuzungen, passt auf keinen Parkplatz. Dennoch tauchten irgendwann in den Neunzigern überall diese Limousinen auf und behinderten den Verkehr. In ihnen saßen die mächtigen Männer von der Wall Street, erst später die Rapper.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das war der Ausgangspunkt für Don DeLillos Roman „Cosmopolis“. Er dauert so lange, wie seine Hauptfigur, der achtundzwanzigjährige Eric Packer, ein begabter, unendlich reicher Hedgefonds-Manager, braucht, um vom Osten in den Westen der Stadt gefahren zu werden. Er will zum Friseur. Unter erschwerten Bedingungen, der amerikanische Präsident ist in New York, der Verkehr steht still. Packer fährt am Morgen los und kommt am Abend an.

          Auf dem Weg verliert er mutwillig sein Vermögen, während er gegen den Yen spekuliert, empfängt seinen Arzt, trifft seine Frau, diskutiert mit seinem IT-Chef, seiner Cheftheoretikerin, seiner Kunsthändlerin, mit der er auch schläft - im Wagen -, wird zunehmend paranoisch, erwartet ein Attentat, isst zwischendurch, beobachtet Unruhen auf den Straßen durch die getönten Scheiben seiner Limousine, schläft mit noch einer anderen Frau und redet, redet, redet, philosophische, altkluge, komische, surreale, melancholische Sätze, ununterbrochen.

          „Die Dinge geschehen irgendwie peng“

          David Cronenberg hat das verfilmt. Mit eisiger Kälte und nur wenigen Änderungen gegenüber dem Buch - aus dem Yen wurde der chinesische Yuan. Er hat die Limousine mit dem Marmorboden ausgestattet, von dem DeLillo spricht, er hat Monitore, Displays, Toilette und eine Bar eingebaut, wie es im Buch steht, einen thronartigen Stuhl für Eric und eine Lederbank für seine Besucher. Und wenn Robert Pattinson, der Eric spielt, auf diesem Thron Platz nimmt, die gesamte Leinwand ausfüllt und uns aus seinem kantigen Gesicht ein leerer Blick trifft, wird dieser Raum zu einer Welt. Sie ist im Begriff unterzugehen. Draußen vor den Fenstern, in der anderen Welt, die davon abhängt, was in dieser Limousine geschieht, tobt schon der Aufstand.

          „Hast du manchmal das Gefühl, du weißt nicht, was los ist?“, fragt Shiner (Jay Baruchel), ein noch jüngeres Wunderkind als Eric sowie dessen IT-Chef, und Eric antwortet: „Dieser ganze Optimismus, Booms und Höhenflüge. Die Dinge geschehen irgendwie peng. Dies und das gleichzeitig. Ich strecke die Hand aus, und was fühle ich? Ich weiß, dass du alle zehn Minuten tausend Dinge analysierst. Muster, Verhältnisse, Indizes, ganze Informationsdiagramme. Ich liebe Information. Sie ist unsere Süße und unser Licht. Sie ist ein weltumfickendes Wunder. Und wir sind von Bedeutung für die Welt. Menschen essen und schlafen im Schatten unseres Tuns. Aber zur gleichen Zeit, was?“

          Im aseptischen Innenraum der Limousine

          Das ist die Frage. DeLillo, dessen Buch 2003 erschien, wusste noch nichts von der Lehman-Pleite und allem, was folgte, nichts von Occupy Wall Street oder dem Tortenanschlag auf Rupert Murdoch. In „Cosmopolis“ rechnete er die Lage sozusagen hoch und kam an bei welterschütternden Krisen, Tumulten in Manhattan, einer Torte in Erics Gesicht. Sein Buch ist eine futuristische Farce, nah am Comicstrip. Cronenbergs Film ist nicht futuristisch, er ist der Film zur Lage.

          „Cosmopolis“ dauert so lange, wie seine Hauptfigur, der achtundzwanzigjährige Eric Packer (Robert Pattinson), braucht, um vom Osten in den Westen der Stadt gefahren zu werden: Er will zum Friseur
          „Cosmopolis“ dauert so lange, wie seine Hauptfigur, der achtundzwanzigjährige Eric Packer (Robert Pattinson), braucht, um vom Osten in den Westen der Stadt gefahren zu werden: Er will zum Friseur : Bild: Falcom Media/dapd

          Bis am Ende beim Treffen mit einem seiner Opfer, dem Paul Giamatti eine sehr weltliche Erdigkeit gibt, an einem vermüllten Ort doch noch Waffen zum Einsatz kommen, ist der aseptische Innenraum der Limousine fast der einzige Schauplatz. Auch Szenen, die im Buch noch außerhalb spielen, hat Cronenberg hierherverlegt. Weil das Auto sowieso fast immer steht, können die Figuren einsteigen, eine Weile mitfahren und wieder verschwinden. Juliette Binoche als die Kunsthändlerin zum Beispiel. Nach hitzigem Sex mit Eric sagt sie: „Es gibt einen Rothko in Privatbesitz. Er ist demnächst zu haben.“ Eric: „Ich hab an die Kapelle gedacht.“ Ein Bild ist nicht genug. Er will die Kapelle in Houston mit ihren vierzehn Bildern, will sie abbauen, in seiner Wohnung wieder aufbauen, und als die Kunsthändlerin sagt: „Sie gehört der Welt“, sagt er nur: „Wenn ich sie kaufe, gehört sie mir.“

          Auch Samantha Morton als Erics Cheftheoretikerin Vija Kinski steigt bei ihm ein. „Wir wollen an die Kunst des Geldmachens denken“, sagt sie. „Geld hat eine Wendung genommen. Reichtum ist zum Selbstzweck geworden. Es gibt keine andere Form großen Reichtums mehr. Geld hat seine narrativen Qualitäten verloren, so wie einst die Malerei. Geld führt nur noch Selbstgespräche.“

          Die Welt auf Abstand haltend

          Diesen Gesprächen hören wir hier zu. Die Limousine ist also die Welt, nach innen gestülpt in Erics Kopf. Und damit sind wir bei Cronenberg, dem Regisseur, bei dem der menschliche Körper, manchmal mit Amputationen und Prothesen, Austragungsort der wesentlichen Entdeckungen, Entwicklungen und Begierden ist und ihnen entsprechend mutiert, verletzt wird, mit Unorganischem verschmilzt. Eric ist ein Mutant. Man sieht es, anders als bei Cronenbergs früher „Fliege“, nur nicht auf den ersten Blick.

          Aber wenn man die Bilder wieder emporholt aus dem Gedächtnis, nachdem sie eine Weile dort gelagert waren, trägt Pattinsons Gestalt reptilienhafte Züge. Und draußen gleiten unendlich langsam die Bilder der Stadt vorbei, Passanten, Demonstranten, Elend, Schmutz und Ratten, echte Ratten, Plastikratten und die Ratten, die Zbigniew Herbert meinte, als er schrieb: „Eine Ratte wurde zur Währungseinheit“.

          Das ist das Motto von DeLillos Buch. Das ist ein Zitat, das Eric parat hat wie die Demonstranten auch. „Es geht ein Gespenst um in Europa. Das Gespenst des Kommunismus.“ Das ist das andere Zitat, das sie verbindet. Nur heißt es hier: „Ein Gespenst geht um in der Welt. Das Gespenst des Kapitalismus.“ Auch dies eine Mutation.

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