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Computerspiele : Für 8,50 Dollar in den Krieg gegen Israel

  • -Aktualisiert am

In der Tat ist die amerikanische Dominanz auf dem Markt für Ego-Shooter-Computerspiele unbestreitbar. Vom Kampf gegen Entführer von Kreuzfahrtschiffen über den Sieg in 3D über die Vietkong oder den Häuserkampf in Somalia ist alles zu haben. Im Verbund von moderner westlicher Technologie mit libanesischem Einfallsreichtum und ideologischer (und wohl auch finanzieller) Unterstützung der Hizbullah ist nun "Special Force" entstanden, die Übungswiese für angehende Attentäter und solche, die sich nur so fühlen wollen.

Das Computerspiel der islamistischen Terrororganisation paßt sich perfekt ein in die antiisraelische Propaganda der Hisbollah. Die sich wenig darum scheren wird, daß allein ein "Spiel" wie dieses an sich, von vielen nicht ganz zu Unrecht mit Argwohn betrachtet wird. Zumal nach den Massakern in Littleton und Erfurt haben "Ego Shooter" ihre vermeintlich spielerische Unschuld verloren. Zwar konnte bislang in mehreren Untersuchungen etwa der Universität Köln nicht nachgewiesen werden, daß "Ego Shooter" Gewaltbereitschaft fördern. Doch macht es möglicherweise einen Unterschied, ob ein entideologisierter Westeuropäer ein technisch etwas biederes Actionspiel spielt oder ein im Libanon lebender Jugendlicher, der täglich mit Gewalt konfrontiert ist und spielerisch an kämpferische Propaganda herangeführt wird. Auch muslimische Jugendliche im Westen können für diese Art der Unterhaltung empfänglich sein, die sie ideologisch anfüttert - zumal, wie in allen Computerspielen, die dargebotenen Informationen und Gegenstände der militärischen "Mission" im Rahmen des Spiels nicht kritisch hinterfragt oder reflektiert werden.

Sender als Vermittler

Der iranische Sozialwissenschaftler Saied Reza Ameli, der die Auswirkung von Globalisierung und Amerikanisierung auf die Identität britischer Muslime untersucht hat, kommt in seiner Studie "Globalization, Americanization and British Muslim Identity" zum Einfluß internationaler Satellitensender auf in westlichen Ländern lebende Muslime zu dem Schluß, daß es "paradoxerweise einen Zusammenhang zwischen der Religiosität britischer Muslime und dem Zugriff auf transnationale Fernsehsender gibt. Eine Erklärung dafür könnte sein, daß ihnen heute der Zugriff auf viele der heimatlichen Fernsehsender möglich ist. Diese Sender vermitteln direkt zwischen muslimischen Zuschauern und den heimatlichen gesellschaftlichen Zuständen.“

Dasselbe könnte auch für Computerspiele wie "Special Force" gelten, die von Menschen gespielt werden, die von den Konflikten des Nahen Ostens ansonsten aus dem Fernsehen oder der heimatlichen Moschee erfahren. "Special Force" ist das erste ernstzunehmende arabisch-fundamentalistische Computerspiel. Als solches tritt es - computertechnisch - in die Fußstapfen der großen amerikanischen Vorbilder, nur unter umgekehrten inhaltlichen Vorzeichen.

Mittlerweile gibt es in einer Reihe von westlichen Autorennspielen die detaillierte und realistische Darstellung von Großstädten wie Berlin, Tokio, London, New York und bald auch Amsterdam mit der Abbildung filmreifer Actionszenen inklusive Explosionen, durch die Luft fliegenden Autowracks und zivilen Verlusten unter den Passanten. Die Zunahme religiöser Propaganda im Internet und die Verschärfung des globalen Kampfes gegen den Terror läßt erwarten, daß kommende Szenarien arabischer Spiele sich den auch geographisch immer realistischeren Szenarien anpassen.

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