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Joaquin Phoenix im Kino : Erwachen des Erwachsenen

Joaquin Phoenix und Woody Norman in „Come on, come on“. Bild: A24 Films

In Mike Mills’ Film „Come on, come on“ kümmert sich Joaquin Phoenix als Radioreporter um seinen Neffen und um die Zukunftserwartungen von Kindern, ohne dass es kindisch würde.

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          Wenn Kinder in Filmen, die eher für Erwachsene gemacht sind, zu Helden werden, dann wird es leicht kindisch. Und auch oft ein bisschen verlogen, weil der Kindermund die berühmte Wahrheit kundtun soll, weil Botschaften verkündet werden müssen, die sich Erwachsene ausgedacht haben, aber nicht selber auszusprechen trauen. Kinder sollen die Erwachsenen Menschlichkeit und Spontaneität lehren, weil sie herzig, witzig und unwiderstehlich sind. Wenn Kinder so etwas zufällig sehen, merken sie natürlich sofort, dass da etwas nicht stimmt. Man nennt das Didaktik, sie ist leicht durchschaut.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist interessant, dass derzeit gleich zwei Filme ins Kino kommen, die diese Zurichtung unterlaufen, die ihre Glaubwürdigkeit daraus schöpfen, die Perspektive der Kinder zu respektieren, statt sie vorzuführen als die besseren Menschen. In Céline Sciammas „Petite Maman“ war es ein kleines Mädchen, das um seine Großmutter trauert, sich von seiner Mutter alleingelassen fühlt und in seiner Phantasie seinen Weg findet, indem es zur Zeitreisenden wird, der die eigene Mutter im Alter von acht Jahren begegnet und zur Spielfreundin wird.

          Bloß keine Didaktik!

          In „Come on, come on“ von Mike Mills steht ein neunjähriger Junge im Mittelpunkt. Die Konstellation ist allerdings etwas komplizierter, weil er mit und neben einem Star wie Joaquin Phoenix spielt. Phoenix ist der Radioreporter Johnny, der mit Aufnahmegerät und Mikrofon durchs Land zieht, um Kinder nach deren Zukunftswünschen zu fragen. Diese Interviewsequenzen sind wie die Grundmelodie des Films.

          Sie wirken nicht rührend oder anbiedernd, weil sie von vornherein medial vermittelt sind. Den Kindern ist ja bewusst, dass ein Mann vom Radio sie befragt. Der Film bekommt seine Richtung, als Johnny anbietet, sich um seinen Neffen Jesse (Woody Norman) zu kümmern. Johnnys Schwester Viv (Gaby Hoffmann) muss von Los Angeles nach Oakland, um ihrem Ex-Mann, der unter einer bipolaren Störung leidet, einen Therapieplatz zu besorgen.

          Onkel und Neffe fremdeln zunächst, der kinder- und gerade auch beziehungslose Mann, der altkluge Junge, der Fragen stellt, die Neunjährige in der Regel nicht stellen – das aber wird zu einem Teil der Gespräche statt zu einer perspektivischen Verzerrung. Die Reibung zwischen den beiden, die Gespräche, die Annäherung sorgen für die innere Bewegung des Films, während sie äußerlich von Los Angeles nach New York und schließlich nach New Orleans reisen und Jesse seinem Onkel bei dessen Interviews assistiert.

          Einmal durch Amerika

          Mike Mills, der Ehemann der Künstlerin und Filmemacherin Miranda July, hat ein sehr feines Gespür für die Wirren des Erwachsenwerdens. Der 56-Jährige hat mit Musikvideos begonnen, 2005 „Thumbsucker“ gedreht, die satirisch getönte Geschichte über einen daumenlutschenden 17-Jährigen, und 2016 „Jahrhundertfrauen“ über eine Mutter von Mitte 50 und deren 15-jährigen Sohn. Es sind formal originelle, sehr reflektierte Filme, die nicht einfach draufloserzählen, die sich ihrer Mittel sehr bewusst sind.

          Joaquin Phoenix und Woody Norman in „Come on, come on“.
          Joaquin Phoenix und Woody Norman in „Come on, come on“. : Bild: Tobin Yelland

          Auch in „Come on, come on“ ist alles genau ausbalanciert. Das intensive, kon­trastreiche Schwarzweißmaterial entrückt das Geschehen in eine Halbdistanz, die zu bemühte Realismuseffekte und umstandslose Identifikation unterbindet. Mills schneidet Telefonate zwischen Johnny und Viv dazwischen und Erinnerungen an das Sterben von beider Mutter, sodass ein dichtes Familiengewebe entsteht, in dem auch die Fehler und Risse sichtbar werden.

          Hier wird keiner bekehrt

          Im Grunde passiert trotz der Bewegung durchs halbe Land nicht viel. Es geht ums Zuhören und Ausredenlassen, es ist manchmal lustig, dann wieder melancholisch; Jesse nervt total und ist doch wunderbar; große Themen wie Tod und Krankheit wechseln sich ab mit kleinen Sorgen. Und es wird einem nichts aufgedrängt, keiner muss bekehrt oder geläutert werden. Johnny versucht einfach, eine andere Rolle einzunehmen und Verantwortung zu tragen. Und Jesse lernt Johnnys Ehrlichkeit schätzen.

          Das alles und viel mehr muss die Motion Picture Association of America noch lernen, die den Film als „R“, „Restricted“, einstufte: Kinder unter 17 Jahren dürfen ihn nur in Begleitung eines Erwachsenen. Vermutlich, weil 19 Mal „fuck“ und zweimal „shit“ gesagt wird. Kein Wunder, dass es so wenige Filme wie „Come on, come on“ gibt.

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