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Clint Eastwood neunzig : So kommt der Wille auf seine Kosten

Clint Eastwood spielt fast immer den Mann, der seine ganze Habe in einen Koffer oder zwei Satteltaschen packen kann. Aber er trägt das psychische Gepäck des amerikanischen Jedermanns mit sich herum, hier in „Gran Torino“. Bild: Picture-Alliance

Wo dieser Westernheld seine Stellvertreterdienste anbietet, lernen auch liberale Zeitgenossen etwas über ihre politische Phantasiewelt. Zum neunzigsten Geburtstag von Clint Eastwood.

          8 Min.

          Als die Geschichte in Clint Eastwoods Film „Pale Rider“ aus dem Jahr 1985 reif für den Showdown ist, wird der Held von seinem Hut vertreten. Mutterseelenallein liegt er mitten auf der einzigen Straße des auch in lebhafteren Tagen menschenleeren Städtchens. Just in der Hochmittagshitze, in der das ultimative Duell stattfinden muss, wenn es mit rechten Dingen zugehen soll, hat die breite Krempe ihre schattenspendende Funktion verloren. Das Hoheitszeichen des freien Mannes, der gekrönten Häuptern die Ehrerbietung der Entblößung verweigert, ist plötzlich heruntergekommen; den Hut umgibt nicht mehr die frische Luft eines allseits offenen Blickfelds, sondern eine Handvoll Staub. Mein Gott, mein Gott, warum hast du ihn verlassen? Hat er natürlich nicht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein Gag. In der Lakonie unüberbietbar. Man kennt das Muster dieses visuellen Witzes aus dem Zeichentrickfilm und dem Comic. Ein Hut bleibt im Bild, schwebt noch für einen Moment im Raum, wenn der Träger sich blitzschnell davongemacht hat. Eastwoods Variante dient nicht zur Illustration einer Beschleunigung, die das grafische Erzählen scheinbar nicht abbilden kann. Er hält die Zeit an, setzt uns ein Standbild vor, komponiert ein Stillleben, aber unter Absehung von der Erscheinungsfülle der Natur, aus einem einzigen Kürzel.

          Als einen „rituellen Comic-Strip“ charakterisierte Verena Lueken „Pale Rider“, als sie 1992 in diesem Feuilleton „Unforgiven“ besprach, den Western, der Clint Eastwood Oscars für den besten Film und die beste Regie einbrachte. Die Anerkennung der Kollegen galt einer Selbstreferenz der Gattung, die man als Selbstkritik des Schöpfers verstehen wollte. Eastwood war als Westernheldendarsteller in Filmen berühmt geworden, die das Genrehafte mit nonchalantem Zynismus auf die Spitze trieben. Im Atmosphärischen präsentiert sich „Unforgiven“ als Werk der Verdichtung. Ein sporadisches Halbdunkel ist die höchste Helligkeitsstufe im Universum der Grauwerte und Braunstufen. Aus dem Himmel schüttet es, und auf der Erde watet man durch Exkremente. Man braucht nicht genau zu sehen, was passiert, weil man es ohnehin weiß. Der Konnex der alles verschlingenden Gewalt erscheint als etwas Undurchdringliches.

          Auf zum letzten Gefecht

          Im Vergleich dazu stellt sich das sieben Jahre ältere Vorgängerwerk als Etüde der Ausdünnung dar, wie der „fahle Reiter“ schon mit diesem emblematischen Decknamen zu erkennen gibt. Vielleicht hat Eastwood hier die Entmythologisierung schon weitergetrieben als im Westabschiedswerk von 1992. Das Comichafte der Machart ist die Offenlegung des Montageprinzips: Die Selbstreferenz gehört zum Western, denn seine Landschaft besteht aus Versatzstücken. Naturgemäß nimmt es der Held mit einer feindlichen Übermacht auf, die jedes Verhältnis sprengt. Zum letzten Gefecht hat ihn ein korrupter Marshal bestellt, der sich vom Bergbauzar so fürstlich entlohnen lässt, dass er eine Entourage aus gleich sechs Hilfssheriffs alimentieren kann.

          In „Sadistico“ bzw. „Play Misty for me“ als Amateurcasanova in einem Provinznest, 1970. Bilderstrecke

          Die ruhmlosen Sieben tragen dieselben hellen Mäntel, dieselben Stiefel, dieselben Schnurrbärte, dieselben Waffen und auch dieselben Hüte. Aber die Uniformierung hilft ihnen nicht. Sie sind mit der Schablone entworfen, von einem Comiczeichner, der sich mit der Fingierung von Individualität nicht abgibt, wo die Reproduktion des Bösen das Sujet ist. Zur Strecke gebracht werden die massenhaft falschen Amts- und Hutträger vom einen wahren Hut, der bloßen Chiffre todsicherer höherer Gewalt.

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