https://www.faz.net/-gqz-7w19b

Dokumentarfilm „Karnevalismus“ : Nur nit laache!

Da werden Männer zu Mondänen: Ein Tanzgruppenmitglied wird geschminkt. Bild: WFilm

Hinter den Kulissen des jecken Frohsinns: Claus Wischmanns Dokumentarfilm über all das, was man vom Kölner Karneval sonst nie sieht. Aber jetzt, wo die neue Kampagne beginnt, sollte man entsprechend vorbereitet sein.

          2 Min.

          Irgendwann in diesem Dokumentarfilm fällt ein weiser Satz: „Wenn man immer weitermacht, hat man nichts mehr davon.“ Das dürfte das Erfolgsrezept der fünften rheinischen Jahreszeit sein, des Karnevals, der kalendarisch festgeschrieben jeweils am 11.November, also in der kommenden Woche, beginnt und in Abhängigkeit vom Kirchenjahr variabel mit Aschermittwoch endet – von acht bis zwölf Wochen Dauer ist somit alles drin. Den Jecken ist es aber nie genug. Wäre diese Frist der Enthemmung nicht so überschaubar, müsste man jedoch wohl wirklich fürchten, dass keiner davon etwas hätte. Der positiv verstandene Ausnahmezustand ist nur als Ausnahme erstrebenswert.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dass Claus Wischmanns Film „Karneval – Wir sind positiv bekloppt“ schon kurz vor Sessionsbeginn in die Kinos gelangt, ist nur konsequent, denn der Kölner Dokumentarist hat sich vor allem der Vorbereitung angenommen, die bei den Aktiven lange vor dem 11.November einsetzt, genaugenommen schon kurz nach Aschermittwoch. Junge Nachwuchsbüttenredner, die sich im Kölner Karnevalsmuseum zum Workshop einfinden, müssen ihre Vortragsentwürfe bereits vor den Sommerferien eingereicht haben, damit man dann noch genügend an ihnen feilen kann, auf dass die Kandidaten die „Vorvorstellabende“ überstehen, bei denen alle Aktiven auf ihre Qualitäten geprüft werden.

          Trailer zum Dokumentarfilm : Nur nit laache!

          Nur wer hier besteht, wird in der kommenden Session zu den großen Karnevalssitzungen in Köln eingeladen; der Rest tingelt durch die Provinz – wenn er Glück hat. „Es ist eine Welt“, so erfahren wir von einem der Büttentrainer, „die bestimmt nicht freundlich zu den Menschen ist, sondern gnadenlos.“ Über einen von Wischmanns Protagonisten, den halbwüchsigen Sohn einer karnevalistisch durch den Vater einschlägig vorbelasteten Familie (in der die Mutter gerade die Konsequenzen daraus gezogen hat und ausgezogen ist), heißt es im Workshop nach einem missratenen Probevortrag: „Den Tobias wird man nicht mehr sehen.“

          Humor ist harte Arbeit

          Das stimmt nicht, zumindest nicht im Kino. Denn Wischmann begleitet seine Protagonisten – neben Tobias einen Kostümverleiher, eine Choreographin, einen noch kindlichen Sänger, einen Vollzugsbeamten und ein Kneipier-Ehepaar – bis zum Schluss am Aschermittwoch. Dass es dabei mit der Ausnahme des vom eigenen sonnigen Gemüt und der Zuneigung seiner Häftlinge verwöhnten Gefängniswärters tatsächlich für die meisten nicht viel zu lachen gibt, beweist nur wieder die alte These, dass Humor harte Arbeit ist. „Nit laache!“, ermahnt der Vater von Tobias seinen Sohn beim häuslichen Trainingslager für die Bütt.

          Alles spielt sich in Köln ab, dem selbsternannten Mittelpunkt des Karnevals. Bis der elfte Elfte erreicht ist, sind 65 von neunzig Minuten schon vorbei, denn Carl Wischmann geht es um das, was man vom Karneval sonst nicht sieht. Die unvermeidlichen Aufnahmen vom Rosenmontagsumzug oder von den Veedelszügen lassen sich in Sekunden messen. Stattdessen gewährt der Regisseur uns Stück für Stück Einblick in die Persönlichkeiten und das Umfeld seiner Gewährsleute, und wenn man der über achtzigjährigen Biggi Fahnenschreiber dabei zusieht, wie sie, die nach eigener Aussage den Mariechentanz im Kölner Karneval erst zu dem gemacht hat, was er heute ist, diesmal eine Leverkusener Truppe für die großen Säle fit macht, dann versteht man plötzlich die Faszination dieser fürwahr positiv Verrückten.

          Doch die gelungensten Szenen sind die traurigsten: das Scheitern von Tobias und vor allem die Besuche im „Weißen Holunder“, der Kneipe von Margot und Karl, die nach der Session in den Ruhestand gehen werden. Kennengelernt haben sie sich in den sechziger Jahren als „echte MLer“, die nur deshalb geheiratet haben, weil sich das damals für Marxisten-Leninisten eben so gehörte. Noch jetzt veranstalten sie regelmäßig im Jahr Kneipenabende, bei denen vor vollem Saal altes sozialistisches Liedgut auf Kölsch gesungen wird. Doch nichts geht über den Karneval, nicht einmal die Revolution. Denn die findet ja ohnehin regelmäßig statt, wenn auch beschränkt auf die Zeit vom 11. November bis Aschermittwoch. Vom Konzept der permanenten Revolution hatte sich ja schon Stalin verabschiedet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufregung um Schiedsrichter : Strafanzeige nach dem Spitzenspiel

          Dem atemraubenden Duell zwischen Dortmund und Bayern folgt ein Abstieg in die Abgründe des Sports. Ein BVB-Profi erinnert daran, dass Schiedsrichter Felix Zwayer einst in den Hoyzer-Skandal verwickelt war. Das könnte Folgen haben.
          Straße in Leicester: Die besseren Tage sind schon lange her.

          Abgehängter englischer Norden : Johnsons blühende Landschaften

          Mit seinem „Levelling up“-Programm will der englische Premierminister Boris Johnson die Angleichung der Lebensverhältnisse für die Menschen im Norden Englands erreichen. Kann das klappen?
          Covid-Kontrolle in der nordostchinesischen Stadt Harbin.

          Ausländer verlassen China : Pekings strenge Covid-Politik stößt auf Zorn

          Pekings Null-Covid-Politik hat aus dem Land ein Gefängnis gemacht. Die in China lebenden Ausländer fliehen daher vor lauter Unmut in Scharen. Einheimische schaffen es jedoch nur mit großer Mühe, das Land derzeit zu verlassen.