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„Die schönsten Jahre“ im Kino : Elegie des Wiedersehens

Eine Mann und eine Frau, fünfzig Jahre später: Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée in Claude Lelouchs Film Bild: Wild Bunch Germany

Claude Lelouch bringt Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée vor der Kamera wieder zusammen. „Die schönsten Jahre eines Lebens“ erzählt von einer Begegnung zwischen gealterten Liebenden nach mehr als fünfzig Jahren.

          4 Min.

          Claude Lelouch sitzt in einem Hotelzimmer am Park Monceau, er trägt trotz der Hitze einen Pullover, und er redet über Jean-Louis Trintignant, den Hauptdarsteller seines neuen Films. „Jean-Louis hat Probleme mit dem Gehen und mit dem Hören. Deshalb legt er alle seine Kraft in seine Stimme. Wenn er spricht, glaubt man ihm alles. Das ist kein Schauspieler mehr, es ist ein Mund der Wahrheit. Ich habe meinen Film um diese Stimme herumgebaut – und um das Gesicht von Anouk Aimée, das schönste Gesicht der Welt.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es geht um „Die schönsten Jahre eines Lebens“, den achtundvierzigsten Spielfilm von Lelouch und den dritten, in dem Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant zusammen auftreten. Sie spielen zwei Menschen, die sich von früher her kennen, die sich einmal geliebt haben und sich nach Jahrzehnten wiedersehen. Sie heißen Anne Gauthier und Jean-Louis Duroc, und damit ist klar, dass „Die schönsten Jahre...“ nicht irgendeine Altersromanze ist, sondern die Fortsetzung einer Geschichte.

          „Es war zu schön, zu perfekt“, sagt sie

          Denn Gauthier und Leroc hießen auch die Hauptfiguren in „Ein Mann und eine Frau“, dem Film, der Lelouch 1966 berühmt gemacht hat. Auch damals wurden sie von Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant verkörpert, und auch damals spielten die wichtigsten Szenen in der Normandie, am Strand von Deauville und in einem nahen Hotel. Der Film kehrt also an einen Ort zurück, der zugleich fiktiv und real ist, Teil einer Geschichte und Teil der Realität – so wie auch die Schauspieler immer beides sind, Darsteller ihrer Rollen und Darsteller ihrer selbst.

          Der Film beginnt mit zwei visuellen Schocks. Der erste ist die Begegnung mit Anouk Aimée. Sie spricht in die Kamera, sie ist achtundachtzig Jahre alt, und sie sieht aus wie Mitte sechzig. Sie hat sich so wenig verändert, dass man unwillkürlich annimmt, der Film selbst sei älteren Datums. Aber nein, dies ist 2020, und das ist die Frau, die vor sechzig Jahren in „La dolce vita“ die Geliebte von Marcello Mastroianni war, bevor er zu Anita Ekberg in den Trevi-Brunnen stieg. „Es war zu schön, zu perfekt“, sagt sie und meint die Liebesgeschichte, die sie vier Jahre später als Anne Gauthier mit Duroc alias Trintignant erlebt hat, und vielleicht gilt das für viele von Anouk Aimées Rollen, aber nicht für die Frau, die sie hier spielt.

          Er sitzt im Pflegeheim, sie hat einen Laden

          Erst dann sieht man Jean-Louis Trintignant. Schon in Michael Hanekes „Happy End“, seinem letzten Film, saß er im Rollstuhl. Jetzt hat er auch den Gesichtsausdruck und die Gesten eines Greises, und das tut beim Zuschauen auf besondere Weise weh, denn Trintignant hat in seiner fast siebzigjährigen Filmkarriere sämtliche Spielarten menschlicher Charaktere dargestellt, aber nie den Verlust der Selbstkontrolle. Er ist bald neunzig, aber das ist nur eine Zahl; was sie bedeutet, erkennt man erst bei seinem Anblick. „Er war es, und er war es nicht“, wird Anne später über ihre Wiederbegegnung mit Duroc sagen, und: „Auf einmal war ich von uns beiden der Mann.“ Schärfer, genauer, berührender kann man es nicht ausdrücken.

          Die Geschichte geht so, dass Duroc im Pflegeheim sitzt und sein Sohn Antoine sich um ihn sorgt. Der Greis ist dabei, sich aufzugeben, nur der Gedanke an die große Liebe seines Lebens hält ihn noch aufrecht. Deshalb fährt Antoine zu Madame Gauthier, die in einem Dorf in der Nähe einen Kramladen betreibt: „Sie sind seine beste Erinnerung.“ Die Geliebte von einst besucht den Geliebten, der ihr vormacht, dass er sie nicht erkennt („je länger ich mit Ihnen rede, desto mehr ähneln Sie ihr“); er fragt sie, ob sie mit ihm sterben, und als sie ablehnt, ob sie mit ihm fliehen will.

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