https://www.faz.net/-gqz-a107t

„Die schönsten Jahre“ im Kino : Elegie des Wiedersehens

Dann sitzen sie gemeinsam in ihrem Citroën 2 CV, er rezitiert Gedichte von Verlaine, und sie chauffiert ihn nach Deauville, ins Hotel Normandy, in dem sie vor einer Ewigkeit miteinander im Bett lagen, geplagt (damals!) von den Geistern der Vergangenheit. Dann fahren sie an den Strand und machen ein Selfie mit Annes Smartphone, und eine Frauenstimme singt ein Chanson des Komponisten Francis Lai: „Mon amour“. Aber es war nur ein Traum, Duroc hat das Pflegeheim nie verlassen, und so bleibt es bei Annes Besuchen im Park des Anwesens, während sein Sohn und ihre Tochter Françoise ein Paar werden. Sonnenuntergang, Abblende, Amen.

Dieses Altersrührstück hätte einen ewigen Stammplatz im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehprogramm am zweiten Weihnachtstag verdient, wenn es auch nur einen Moment lang versuchen würde, seine Rührseligkeit zu übertünchen. Aber Lelouch, der sich nie besonders um die Konventionen der Branche geschert hat, tut genau das Gegenteil, er betont noch das Sentimentale und Selbstbezügliche seiner Geschichte. Der Film ist mit eingeschnittenen Szenen aus „Ein Mann und eine Frau“ gespickt, er macht die fiktive Erinnerung der Figuren zum realen Gedächtnis des Kinos. Darin berührt er sich mit den Alterswerken der Nouvelle Vague, mit der sich Lelouch über Jahrzehnte hin einen verbissenen Kleinkrieg geliefert hat.

„Ich verdanke der Nouvelle Vague viel, denn sie hat mich gelehrt, was man im Kino nicht machen darf. Das Kino ist keine Schulstunde, sondern eine Unterrichtspause, in der wir träumen können.“ Die Zeit, sagt Lelouch, werde ihm recht geben, aber lange Zeit sah es so aus, als würde das Kino von Godard, Chabrol und Truffaut seine Filme aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängen. Das hat sich mit „Die schönsten Jahre...“ geändert. Die französischen Kritiker haben den Film gefeiert, und Lelouch ist jetzt der Klassiker, der er immer sein wollte.

Im Kino, lautet ein hundertfach zitiertes Bonmot, sehen wir dem Tod bei der Arbeit zu, und das war selten so wahr wie hier. Aber bei Lelouch sieht man auch, wie das Kino den Tod überwindet, indem es von ihm spricht. Der achtminütige Kurzfilm „C’était un rendez-vous“, den Lelouch 1976 drehte, während er am Steuer eines Mercedes 450 frühmorgens durch die leeren Straßen von Paris zum Montmartre raste, hat in der Geschichte von Anne und Jean-Louis eigentlich nichts zu suchen, und doch passt er genau hierher. Er zeigt, wovon der Greis, der früher Rennfahrer war, in seinem Rollstuhl träumt – und wovon sein Regisseur träumt, während er die Kamera auf ihn richtet. „Ich liebe die Geschwindigkeit. Man sieht mehr, wenn man schnell ist. Das Leben ist kurz, also muss man sich beeilen. Beim Drehen war ich immer schneller als andere.“

Nach „Die schönsten Jahre...“ werde er keinen Film mehr drehen, hat Jean-Louis Trintignant angekündigt. Claude Lelouch hat ebenfalls keine neuen Pläne fürs Kino. „Dieser Film ist ein Wunder, denn es gibt ihn nur, weil Jean-Louis und Anouk noch am Leben sind. Ich liebe es, Wunder zu filmen.“ Auch wenn der Gedanke schwerfällt: Es wäre ein würdiger Abschied.

Weitere Themen

Sie weiß, was sie will

Deutsche Emmy-Hoffnung : Sie weiß, was sie will

Maria Schrader könnte heute als erste deutsche Regisseurin überhaupt bei den Emmy Awards ausgezeichnet werden. Dabei ist sie doch eigentlich Schauspielerin. Wie hat sie das geschafft?

Topmeldungen

Susanna Ceccardi, wird von Salvini „la leonessa“, die Löwin genannt. Sie geht in der Toskana als Lega-Kandidatin ins Rennen.

Regionalwahlen in Italien : Fällt die rote Toskana?

Im Frühjahr war Italiens Rechte noch an einer sozialdemokratischen Bastion gescheitert. In der Toskana könnte sie triumphieren. Der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi warnt: „Die roten Festungen gibt es nicht mehr.“
Es sieht so aus, dass amerikanische Nutzer Tiktok auch weiterhin aufrufen können.

Trump ist einverstanden : Neuer Deal soll Tiktok in Amerika retten

Eigentlich sollte heute das Ende der chinesischen Video-App auf dem amerikanischen Markt eingeläutet werden. Nun haben sich gleich zwei Unternehmen gefunden, die gemeinsam eine Lösung bieten wollen. Washington reagiert positiv.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.